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YVES SINTOMER
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Deutschland und ohne jegliche Perspektive auf eine Rückkehr in die Heimat
verankert sein kann, bis zu einem recht späten Zeitpunkt nicht zuließ.
Das wirft ein besonderes Licht auf den größten Unterschied in der ›Kopf-
tuchfrage‹ auf beiden Seiten des Rheins. Obwohl in beiden Ländern private
Rechtsstreitigkeiten zwischen Arbeitgeber/innen und Arbeitnehmerinnen, die
ein Kopftuch trugen, von Zeit zu Zeit durch Gerichte verhandelt und in der
Öffentlichkeit diskutiert wurden, bezog sich die Kontroverse im wesentlichen
auf die schulische Welt, denn man geht davon aus, dass hier die nationalen
Werte und Modelle weitergegeben werden und das nationale Selbstver-
ständnis aufgebaut wird. Nun haben sich die Debatten in Deutschland im
Wesentlichen nur auf die Lehrerinnen bezogen und die Zahl derjenigen, die es
für legitim gehalten hätten, bei Schülerinnen das Tragen des Kopftuchs in
Frage zu stellen, ist sehr gering. In Paris scheint es umgekehrt undenkbar,
dass sich die Frage der Duldung eines Kopftuchs bei Lehrerinnen überhaupt
stellt und dass prominente politische Persönlichkeiten es wagen würden, das
zu rechtfertigen. Man kann darauf wetten, dass keine Lehrergewerkschaft die
Rechte von verschleierten Kolleginnen verteidigen würde, so sehr bildet das
Personal des Erziehungswesens in Frankreich eine Bastion der »wehrhaften
Laizität« (Bauberot 2004). Dieser Gegensatz geht weniger auf das Kopftuch
selbst als auf die Geschichte der beiden Länder zurück. Die Lehrerinnen und
Lehrer haben in Deutschland nicht die Rolle von ›Husaren der Republik‹ inne,
die man ihnen in Frankreich gerne zuschreibt. Die Toleranz des Staats in
Glaubensfragen ist in Deutschland historisch weiter entwickelt und die
Ergebnisse des Bismarckschen Kulturkampfs sind hier sehr anders und für die
Kirchen weniger negativ gewesen, als die des laizistischen Kampfs von der
ersten bis zur dritten Republik beim lateinischen Nachbarn. Die Steuerein-
ziehung für eine Kirche oder die Integration des Religionsunterrichts in den
offiziellen Stundenplan sind aus französischer Sicht schockierende Verstöße,
während sie in der Bundesrepublik kaum in Frage gestellt werden. Schließlich
hat in diesem Zusammenhang auch die Art und Weise, wie man zum Staats-
bürger oder zur Staatsbürgerin wird, ein Gewicht. In Ermangelung eines vom
Geburtsort abhängigen Staatsbürgerschaftsrechts4 im Land von Johann Gott-
lieb Fichte ist der Anteil an jungen Menschen mit Migrationshintergrund, die
nicht die Staatsbürgschaft des Landes genießen (obwohl sie häufig auf dessen
Territorium geboren sind) viel wichtiger als im Land von Ernest Renan.5
4 Zudem ist ja das Staatsbürgerschaftsrecht etwas gelockert worden in Richtung
auf das ius soli, bleibt aber strenger und restriktiver als in Frankreich.
5 Johann Gottlieb Fichte, 1762-1814, deutscher Erzieher und Philosoph, und Er-
nest Renan, 1823-1892, französischer Schriftsteller, Historiker, Religionswis-
senschaftler und Orientalist, stehen hier für die unterschiedlichen staatsbür-
gerlich-kulturellen Traditionen Deutschlands und Frankreichs. Beide beschäftig-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik