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KOPFTUCH UND ›FOULARD‹
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Jugendliche mit Migrationshintergrund werden in Deutschland noch mehr als
in Frankreich als ›Ausländer‹ angesehen. Es ist bezeichnend, dass die Bun-
desrepublik wahrscheinlich das einzige europäische Land ist, wo die Gebur-
tenrate sich ausschließlich auf die Staatbürgerinnen und -bürger und nicht auf
die Gesamtheit der ansässigen Bevölkerung bezieht, und auch die fast gleich-
artige Hautfarbe der Fußballnationalmannschaft kann als ein Zeichen dieser
Abgeschlossenheit gelten. Diese Umstände haben die relative Gleichgültigkeit
gegenüber den jungen Schülerinnen, die ein Kopftuch tragen, sicher beför-
dert: nach allem waren und bleiben sie zumindest im öffentlichen Bewusst-
sein ›Fremde‹ (Rostock/Berghahn 2008a und 2008b). Diese Gleichgültigkeit
steht im Gegensatz zur Lebhaftigkeit der Reaktionen, wenn es um Lehrerin-
nen geht: Schließlich unterrichten sie deutsche Kinder und laufen Gefahr, sie
zu beeinflussen, während man niemals daran dachte, dass die Zugehörigkeit
einiger ›gütiger‹ Ordensschwestern zum Lehrkörper einzelner Länder die
Neutralität des Staats beinträchtigen könnte.
Die historischen Beziehungen zwischen den vom Kopftuch betroffenen
Bevölkerungsteilen und dem Gastland sind in Frankreich und Deutschland
übrigens auch nicht dieselben. In beiden Ländern gibt es eine zwar minoritäre,
aber durchaus sichtbare Zahl von Kopftuch tragenden Frauen, die Konver-
titinnen sind. In Frankreich wird der Islam indessen vor allem von Bevölke-
rungsteilen praktiziert, die aus dem Maghreb kommen (fast drei Millionen,
die in Frankreich ansässig sind, stammen aus dem Maghreb, gegenüber nur
315.000 türkischen Ursprungs) und aus anderen arabischen Ländern. Der Is-
lam von Bevölkerungsteilen, die aus Schwarzafrika kommen, ist, obwohl sie
einen nicht zu unterschätzenden Teil der Gläubigen darstellen, bis vor kurzem
im öffentlichen Raum kaum zur Kenntnis genommen worden (und als dies
dann der Fall war, war das vorherrschende Bild eher das der Rückständigkeit
oder Folklore als das einer islamistischen Gefahr). Dasselbe gilt für Türkin-
nen bzw. Türken in Frankreich: Obwohl eine bedeutende Anzahl junger Mäd-
chen, die von der Schule verwiesen wurden, besonders in Elsass und Lothrin-
gen, türkischer Herkunft ist, wird in der öffentlichen Wahrnehmung unter-
stellt, dass die jungen Leute beiderlei Geschlechts den arabischstämmigen Al-
tersgenossen und -genossinnen weit gehend angeglichen sind. In Deutschland
ist die Situation umgekehrt. Der Kultus des Islams ist vor allem eine Ange-
legenheit von Bevölkerungsteilen, die aus der Türkei kommen (mehr als 2,5
Millionen Personen). Andere Gruppen, die in der Minderheit sind, erscheinen
im öffentlichen Raum kaum als ein deutlich erkennbares Problem (es gibt z.B.
weniger als 130.000 Migrantinnen und Migranten aus dem Maghreb). Ob-
wohl diese Diskrepanz bedeutsam ist, wird sie allgemein unterschätzt. Selbst
ten sich intensiv mit Begriff und Idee der Nation sowie mit Religionen, beiden
wird Antisemitismus attestiert.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik