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YVES SINTOMER
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wenn es zu dieser Frage keine verlässliche systematische Untersuchung gibt,
ist es doch sehr wahrscheinlich, dass die Art und Weise, in der das Kopftuch
getragen wird, für Menschen maghrebinischer und türkischer Abstammung
nicht genau dieselbe ist. Besonders gilt das auch für die Bedeutung des
Kopftuchs für die Beziehungen zwischen Männern und Frauen und die
Familienstruktur.
Die Unterschiede der nationalen Herkunft haben nicht nur eine symbo-
lische Tragweite und übersetzen sich in kulturelle Praktiken, die teilweise
verschieden sind. Auch wenn die Arbeiten zu dieser Frage (Tietze 2002;
Delmas 2006; Amir-Moazami 2007; Göle 1993) auf diesen Punkt eines syste-
matischen Vergleichs nicht eingehen, scheint es doch, dass das Kopftuch in
Bevölkerungsgruppen türkischer Herkunft früher getragen wird, während es
bei den jungen Frauen aus dem Maghreb vor der Pubertät nur ein randstän-
diges Phänomen ist. Hingegen ist das Tragen des Niqab, der das Gesicht ganz
bedeckt und eine Öffnung nur für die Augen lässt, bei den Türkinnen ebenso
selten wie bei den Maghrebinerinnen. Man bemerkt dieses Phänomen vor al-
lem in den Randgruppen der radikalen Salafisten oder bei vereinzelten
Menschengruppen, die aus pakistanischen, afghanischen oder indischen Land-
strichen kommen, während es in Großbritannien auf Grund der Tatsache, dass
die Einwanderung zu großen Teilen aus diesen Regionen der Erde erfolgt ist,
eine größere Bedeutung hat.
Obwohl traditionelle patriarchale Strukturen in allen Mittelmeerländern
weit verbreitet sind, sind die Familienstrukturen doch teilweise verschieden.
Eine Studie in Frankreich vom Beginn der 1990er Jahren zeigte, dass alle
Gruppen mit Immigrationshintergrund dazu tendierten, ihre Heiratspraktiken
den Mehrheitsverhältnissen in Frankreich anzugleichen. Sie belegte aber
auch, dass Bevölkerungsgruppen türkischer Herkunft mit einer deutlich
stärkeren Geburtenrate als bei den Bevölkerungsteilen maghrebinischen
Ursprungs und mit einer beträchtlich höheren Heiratsquote zwischen männ-
lichen Immigranten und Frauen aus den Herkunftsländern am stärksten von
dieser Tendenz abwichen (Tribalat 1995). Es ist mehr als wahrscheinlich, dass
dies nicht zu unterschätzende Rückwirkungen für die Bedeutung des Kopf-
tuchs bei den entsprechenden Bevölkerungsgruppen hat. Insbesondere gilt das
für die Balance zwischen dem Willen zur Selbstbehauptung und der
Rücksicht gegenüber Familienbräuchen. Trotz dieser Unterschiede unterstrei-
chen soziologische Untersuchungen auf beiden Seiten des Rheins, dass die
Mädchen, die das Kopftuch und zwar sehr oft gegen den Rat ihrer Familie
tragen, zwar fast immer sehr gläubig, aber keine Fundamentalistinnen sind.
Häufig verteidigen sie die Religion gegen die Tradition (und insbesondere
gegen die traditionelle Unterordnung der muslimischen Frauen) und machen
aus dem Tragen des Kopftuchs, das sie während oder am Ausgang der
Adoleszenz übernehmen, das, was Michel Foucault als ›Gegenpraxis‹ be-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik