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YVES SINTOMER
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Islamophobie in Frankreich und zur Fixierung der Medien auf den ›arabischen
Jugendlichen‹ gebracht, die an die Vorurteile aus der Kolonialzeit erinnert
(Guénif-Souilamas/Mace 2004).
Diese Beziehung auf die Vergangenheit bildet im Übrigen ein weiteres
Unterscheidungsmerkmal zwischen Frankreich und Deutschland. Die Frage
des Kopftuchs hatte sich bereits in den überseeischen Gebieten, die von
Frankreich seit dem 19. Jahrhundert besetzt waren, gestellt, wo die Armee im
Namen der Moderne und der Aufklärung im Maghreb Zwangsentschleie-
rungen durchgeführt hatte (Bouteldja 2004; Fanon 1961; Clancy-Smith 2006).
Die für die Kolonien zuständigen Beamten der Metropole sind nach der De-
kolonisierung weit gehend auf die Immigranten umgeschult worden. Der
Krieg in Algerien liegt nicht so weit zurück und in den Köpfen hat sich zwi-
schen diesem Konflikt und dem aktuellen Krieg gegen den Terrorismus um so
mehr eine gewisse Kontinuität hergestellt, als der Bürgerkrieg in Algerien in
den Jahren 1980-1990 einen erkennbaren Hintergrund der französischen Äng-
ste vor einer ›islamistischen Gefahr‹ gebildet hat. Auch wenn die postkolo-
niale Vorstellungswelt mehr oder weniger die Geisteshaltung der ganzen
westlichen Welt prägt (und spiegelbildlich die von Menschen, die in den ehe-
maligen Kolonien leben oder von dort kommen), ist Deutschland umgekehrt
ohne ein lebendiges eigenes Kolonialgedächtnis, selbst wenn die Türkei einst
unter deutschem Einfluss stand. Es gibt in der öffentlichen Meinung keine Er-
innerung an einen bewaffneten Kampf gegen dieses Land und es wäre in-
teressant zu untersuchen, in welchem Maß der/das Andere aus diesem Grund
äußerlicher bleibt und weniger leidenschaftlich abgewiesen wird als die Figur
des Arabers in Frankreich.
Welche Neutralität des Staats in religiösen Fragen
und welche Laizität?
Wie dem auch immer sei, die Art und Weise, wie die Debatte über das
Kopftuch gerahmt wird, ist auf beiden Seiten des Rheins nur teilweise gleich.
In Frankreich wie in Deutschland wird das Argument des politischen Islams
in den Medien breit benutzt. Man behauptet, dass das Kopftuch ein politisches
Symbol sei, das zur geltenden demokratischen Verfassung im Widerspruch
stehe und das folglich zumindest in gewissen Räumen verboten werden müs-
se. Das Kopftuch ist nach dieser Auffassung nicht der harmlose Ausdruck
einer kulturellen Identität, sondern eine Eroberungsstrategie, die junge Mäd-
chen instrumentalisiert, um dem demokratischen Rechtsstaat einen Schlag zu
versetzen. Diese Position ist oft auf groteske Weise ausgedrückt worden – in
Frankreich noch mehr als in Deutschland (wo aus nahe liegenden historischen
Gründen eine Parallele zu den Symbolen der Nazis nicht mit ebensoviel
Leichtigkeit hergestellt werden kann). Der Schwachpunkt eines derartigen
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik