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KOPFTUCH UND ›FOULARD‹
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Deutungsmusters ist hingegen, dass seine empirische Plausibilität schwer zu
beweisen ist, zumal alle soziologischen Untersuchungen zum Kopftuch dazu
tendieren sie zu entkräften und die Fachleute darauf bestehen, dass die Be-
wegung der Re-Islamisierung vielfältig ist. Im Übrigen ist ein spezifisch euro-
päischer Islam im Entstehen begriffen, der vor allem durch humanistische
Werte der Toleranz und der Achtung vor dem Individuum geprägt ist. Auch
viele junge verschleierte Frauen auf diesem Kontinent sind davon zutiefst
geprägt (Roy 1999). Aus Mangel an überzeugenden Argumenten hat die Rhe-
torik von der Manipulation durch den politischen Islamismus – auch wenn sie
einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung hatte (und von einer
Mehrheit der Franzosen und Deutschen geteilt wurde) – keinerlei Chance, ju-
ristische oder gesetzliche Maßnahmen klar zu rechtfertigen.
Vielmehr hat in Frankreich wie Deutschland als weiteres Bezugssystem
der Deutungsrahmen von der Gleichheit von Männern und Frauen, der das
Kopftuch im Kern widerspräche, den Ausschlag gegeben, um die öffentliche
Meinung in eine der Toleranz entgegen gesetzte Richtung kippen zu lassen.
Die Überlegung ist breit und bis zum Exzess wiederholt worden, dass das
Kopftuch unabhängig vom kulturellen Kontext und den Motiven derer, die es
tragen, ein Symbol sei, das die Unterlegenheit der Frau gegenüber dem Mann
und ihre Unterwerfung unter ihn manifestiere. Derart wird dem religiösen
Symbol eine starre Bedeutung zugesprochen. Es sei unter diesem Blickwinkel
dann nicht so wichtig, ob es freiwillig getragen würde, denn auch dies belege
die Verinnerlichung der Unterwerfung durch die Beherrschten und den Erfolg
eines starken kulturellen Drucks durch das soziale Milieu. Das Argument
wird oft auf ziemlich groteske Art aus einem Blickwinkel vorgetragen, der
alle soziologischen und historischen Forschungen ignoriert (Benslama 2002;
Chahdorff 2003).
Indessen ist diese Position auch auf eine etwas pragmatischere Art durch
zahllose Funktionäre aus Politik und Verwaltung auf beiden Seiten des Rheins
verteidigt worden. Man gibt zwar zu, dass die symbolische Bedeutung eines
Objekts, wie es das Kopftuch darstellt, eine veränderliche symbolische Kons-
truktion ist, die von den Umständen abhängt und dass viele junge Frauen, die
das Kopftuch tragen, es freiwillig tun und nicht mehr als andere unterdrückt
und beherrscht sind. Man vertritt jedoch die Ansicht, dass eine unbeugsame
Haltung der Verwaltung für diejenigen jungen Mädchen eine Hilfe sein
könne, die sich trotz familiären Drucks weigern, das Kopftuch zu tragen.
Darum müsse man restriktive Gesetze machen, um die Masse der Musli-
minnen zu schützen, auch auf die Gefahr hin, die Freiheit einer Handvoll von
ihnen zu beschränken. In Ermangelung eines ausreichend soliden normativen
Fundaments und einer Beweisführung auf Grund von überzeugenden, auf
Feldforschung basierenden empirischen Argumenten, böte eine derartige
Begründung für eine Regelung oder ein Verbot, jedenfalls auf der Gesetzes-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik