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KOPFTUCH UND ›FOULARD‹
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liche in Europa eine gemeinsame Basis waren, ist die laizistische Thematik
doch unbestreitbar eine französische Besonderheit und der Einfluss, den die
Debatten in Frankreich auf Deutschland ausgeübt haben, darf nicht un-
terschätzt werden.
Aus der Perspektive einer ›offenen Neutralität‹ des Staats gegenüber den
Religionen privilegiert der Staat zwar keine Religion oder spirituelle Gemein-
schaft, kann aber die Steuereintreibung für die religiöse Körperschaften über-
nehmen, konfessionelle Einrichtungen subventionieren oder den Religionsun-
terricht in den schulischen Ablauf integrieren. Eine derartige ›offene‹ Neutra-
lität, die die heute bestehende und bestätigte Haltung in Schleswig-Holstein
bestimmt, war diejenige, die in Gesamtdeutschland vorherrschte, ob es nun
um katholische, protestantische oder jüdische Religionsausübung ging. In der
Realität ist Frankreich an einigen Punkten gar nicht so weit davon entfernt,
wenn der Staat das System der Privatschulen, das vor allem konfessioneller
Art ist, subventioniert und die meisten Gemeinden die rechtmäßigen Eigen-
tümerinnen von einigen kirchlichen Gebäuden sind und sie aus diesem Grund
auch unterhalten müssen. Darüber hinaus war die herrschende Geisteshaltung
bei der Ausformulierung des berühmten Gesetzes von 1905, das die
Beziehungen zwischen Staat und Religion festgelegt hat, gar nicht so fern von
der Perspektive einer ›offenen‹ Neutralität (Baubérot 2004). Dennoch fehlt
diese in der Rhetorik der Mehrheit fast vollständig, die sich viel lieber auf die
Laizität und die französische Ausnahme beruft.
Der Begriff der ›Laizität‹ ist indessen ziemlich vieldeutig und lässt sich
unter zwei sehr gegensätzliche Hauptvarianten subsumieren. Die ›gemäßigte‹
Laizität, die das Gesetz von 1905 inspiriert hat, impliziert den Aufbau eines
zivilen, juridischen und politischen Raums, der von den religiösen Räumen
strikt getrennt ist und sich jenseits von ihnen befindet (Baubérot 2004). Aus
dieser Warte stellt sich der Staat nicht gegen die Religion, weigert sich aber
zugleich von ihr abzuhängen oder ihre Botschaften zu übernehmen – auch
dann, wenn es pluralistisch geschieht. Insbesondere müssen sich seine Reprä-
sentantinnen und Repräsentanten davor hüten, Zeichen ihres möglichen Glau-
bens zur Schau zu stellen und haben strikte Neutralität zu wahren. Diese säku-
lare Position war nah bei der, die die offizielle französische Rechtsprechung
des Staatsrats zum Kopftuch in den Jahren 1990 inspirierte. Sie wird heute in
Deutschland durch die Länder Berlin, Bremen und Niedersachsen vertreten,
die die französische Argumentation übernommen haben.
Die ›wehrhafte‹ Laizität geht sehr viel weiter und stellt sich als eine um-
fassende Zivilreligion, die in Konkurrenz zu jeder konfessionellen Erziehung
tritt, gegen die Religion auf. Sie tendiert dazu, dem Staat eine besondere Ethik
oder eine Vision des Guten zu überantworten, die derart eine Art säkularen
›Staatskommunitarismus‹ bildet. Die französische Laizität wurde lange gemäß
dieser Auffassung geformt. Ihre Feinde waren jahrzehntelang die katholische
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik