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STEPHIE FEHR
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In Bezug auf ›Identität‹ ist die deutsche Diskussion um das Kopftuch der
Lehrerin auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass Einwandererinnen bzw.
Einwanderer in Deutschland im Vergleich zum Vereinigten Königreich oder
zu Frankreich länger als Außenseiterinnen bzw. Außenseiter gesehen wurden,
deren dauerhafte Präsenz erst kürzlich deutlich und zur Kenntnis genommen
wurde, gerade durch den Fall ›Ludin‹. So erlangte das Kopftuch die Funktion
eines Katalysators, der vielleicht eine tiefer gehende politische Debatte über
Identität und Einwanderung befördert, während das Kopftuch bislang ledig-
lich als Zeichen mangelnder Integration und der Unterdrückung der musli-
mischen Frau gesehen wurde. Angeregt wird, dass nun das Kopftuch als Aus-
druck einer muslimischen Identität genutzt werden solle und insofern als
mehrdeutiges Symbol gedeutet werde (McGoldrick 2006: 110). Eine ent-
sprechende Diskussion um die Mehrdeutigkeit des Kopftuchs besteht aber im
Vereinigten Königreich mangels eines Konflikts wohl nicht.
Tariq Modood, ein führender britischer Soziologe im Fachgebiet Einwan-
derungspolitik, erkundet die Religionsfreiheit im Lichte der Integration. Er
weist auf die noch geringe Anzahl muslimischer Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer in Führungspositionen der britischen Wirtschaft und Politik
hin, schätzt aber, dass diese Situation in Deutschland und Frankreich noch
gravierender ist, weil sich der Hauptzufluss von Einwanderinnen und Ein-
wanderern später vollzog. Er meint, dass in Bezug auf ethnische Aspekte
Recht und Politik in diesen beiden Ländern auf ein anderes Verständnis von
›Integration‹ gestützt seien als im Vereinigten Königreich. Modood favorisiert
die herrschende Meinung, welche die in Deutschland und Frankreich prä-
ferierte Assimilation als eine Wahl sieht, die neben der Alternative besteht,
sich positiv als Gruppe abseits der Mehrheit zu definieren, da dies als
befreiend gesehen wird (Modood 2003: 225 f). Integration in diesem von
Assimilation unterschiedenen Sinne basiere wiederum auf einer Auffassung
von Gleichheit, die keine Entschuldigung für die eigene Herkunft, Familie
oder Gemeinde ersucht, sondern andere zu Respekt verpflichtet und mit einer
Politik einhergeht, die das Fremde nicht geringschätzt, sondern die Bewah-
rung des eigenen Kulturbesitzes fördert. Allerdings bestehe die Gefahr in die-
sem System darin, dass die Qualität des Erlebens der gemeinsamen Staatsbür-
gerschaft unter Umständen Einbußen erfahre. Deswegen schlägt Modood vor,
diesem Problem auf praktischer Ebene zu begegnen, indem Gemeinsamkeiten
herausgearbeitet und betont werden (ebd.). Genau diese Vorgehensweise wird
inzwischen auch von zahlreichen staatlichen und privaten konfessions-
übergreifenden Einrichtungen verfolgt. Im Vordergrund der Initiativen in die-
sem Bereich steht der Dialog, der unumgänglich zur Erkenntnis führt, dass
eine durch Vielfalt erzeugte Erweiterung des Wissens über unterschiedliche
Kultur und Religion in der Bevölkerung eine Bereicherung ist.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik