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DAS KOPFTUCH DER LEHRERIN AUS BRITISCHER SICHT
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Die Kopftuchkontroversen auf dem europäischen Festland werden auch
explizit in den besonderen Kontext der Ereignisse und Folgezeit des 11. Sep-
tembers 2001 gerückt. Laut Kathleen Cavanaugh weckten die Terroranschlä-
ge die bis dahin ›schlafende‹ politische Führungsschicht Europas, so dass die-
se sich endlich den kulturellen und sozialen Anforderungen religiöser Vielfalt
stellen musste. Unglücklicherweise sei das dadurch geschehen, dass religiöser
Ausdruck in der Öffentlichkeit auf Normen und Werte beschränkt wurde, die
als europäischen Ursprungs angesehen werden (Cavanaugh 2007: 3 f; siehe
auch Barskanmaz und Rommelspacher in diesem Band) Dass dies nicht un-
bedingt eine zuträgliche Konnotation ist, sondern die Ursachen für Probleme
verstärken kann, wird von einigen britischen Autorinnen und Autoren
aufgegriffen. Die Lage von Arbeitnehmerinnen bzw. Arbeitnehmern, die sich
zwischen der Ausübung der Religion und der Fortsetzung des Arbeitsver-
hältnisses entscheiden müssen, ist denkbar schwierig. Wenn Arbeitgeberinnen
bzw. Arbeitgeber nicht willens sind, ihre Macht, beides in Einklang zu brin-
gen, auszuüben, zahlt die Arbeitnehmerin oder der Arbeitnehmer zwangs-
läufig einen hohen Preis. Keine der beiden Alternativen – weder der Verlust
der Arbeitsstelle, noch das Leben unter Missachtung des eigenen Glaubens –
können zu einer ausgewogenen Einstellung zu dieser Gesellschaft oder ihrer
Rechtsordnung führen, wenn diese nur eine solche Zwangslage zulässt. Als
logische Folge wird in Kauf genommen, dass die betroffene Person eine
gleichgültige oder feindselige Meinung zur Gesellschaft entwickelt, verstärkt
durch die Erkenntnis, dass die eigenen grundlegenden Wertvorstellungen
nicht mit denen der Allgemeinheit vereinbar sind (Leader 2007: 730; Motha
2007: 162; allgemeiner McGoldrick 2006: 19).
Schlussfolgerungen
Diskussionen in Deutschland, im Vereinigten Königreich und in anderen Län-
dern weisen darauf hin, dass es sich bei der Akzeptanz von Kopftüchern um
ein politisches ebenso wie rechtliches Thema handelt. Die jeweiligen Denkan-
sätze in Deutschland und im Vereinigten Königreich sind sehr ähnlich, aber
die daraus gezogenen Konsequenzen und daran angeschlossene Vorgehens-
weise weichen entscheidend voneinander ab. Die wesentlich abweichende
Interpretation des einschlägigen Rechts wurde exemplarisch anhand des Falls
einer Lehrerin mit Kopftuch erkennbar. Momentan ist es so, dass trotz wenig
ausgefeiltem Schutz im Recht die Religionsfreiheit im Vereinigten König-
reich großzügiger interpretiert wird als in Deutschland. Die unterschiedliche
Auslegung des Rechts ist unter anderem das Resultat eines abweichenden
Verständnisses von vielerlei Faktoren, so etwa der Neutralität bzw. der
festgelegten Identifikation des Staates mit einer Staatskirche, der nationalen
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik