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KIRSTEN WIESE
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schlechtsspezifischen Bedeutung des Kopftuchs: Während Sozialwissen-
schaftlerinnen aufzeigen, dass junge Musliminnen in Deutschland das
Kopftuch zum Teil als Zeichen des Widerstands gegen ein traditionelles El-
ternhaus tragen (ebd.: 466), wird das Kopftuch in der Öffentlichkeit als
Zeichen für ein Geschlechterverhältnis gesehen, das von der Unterdrückung
der Frau geprägt ist (z.B. Bertrams 2003: 1233; Thierse 2004: 35)6.
Ein Kopftuch kann auf Schüler und Schülerinnen
suggestiv wirken
Ein Kleidungsstück einer Lehrerin, das von den Schülern und Schülerinnen
als Symbol wahrgenommen wird, kann auf diese unterschiedliche Wirkungen
haben: Symbole übermitteln zunächst eine Botschaft, mit der sich die Betrach-
terin auseinandersetzen kann. Diese Anregung zur Auseinandersetzung kann er-
stens die Willensbildung und -betätigung der Betrachtenden beeinflussen (Grom
1992: 255 ff; Hillmann 1994: 854). Das geschieht etwa, wenn von dem Symbol
eine Suggestivwirkung ausgeht. Zwar gibt es noch keine empirische Forschung
über die Wirkung religiös motivierter Kleidungsstücke auf Kinder im Schul-
raum. Jedoch wird in der Religionspsychologie religiösen Symbolen eine erzie-
herische Relevanz zugeschrieben (Grom 1992: 47 ff und 255 ff). Auch in einem
anderen Zusammenhang, der Produktwerbung, wird davon ausgegangen, dass
die Betrachtung von Symbolen den Willen der Betrachtenden beeinflussen kann.
Untersuchungen über die Wirkung von Produktwerbung erkennen eine Sug-
gestivwirkung dieser Werbung, die zu einer Fremdbestimmung bei der Mei-
nungsbildung führen kann (Faber 1968: 83 ff; Fenchel 1997: 91 ff).7 Werbung
könne unter Ausschaltung des bewussten Willens auf das Unterbewusstsein ein-
wirken; der Werbeadressat habe es nicht immer in der Hand, diese Wirkung zu
verhindern (Jürgens 1962: 117 f). Auch wenn der Adressat einer bestimmten
Produktwerbung dieser mit Skepsis und dem Wissen um ihre Manipulations- und
Suggestivkraft gegenübertrete, könne er seine Entscheidungsfindung nicht völlig
davon lösen; insbesondere emotionale Reize wirkten vielfach zwangsläufig
(Kroeber-Riel/Meyer-Hentschel 1982: 31; Behrens 1998: 20). Es ist zumindest
denkbar, dass auch von einem religiös motivierten Kleidungsstück einer Lehrerin
eine solche suggestive Wirkung ausgeht. Diese suggestive Wirkung kann – was
ich aber für unwahrscheinlich halte – dergestalt sein, dass tatsächlich Schüler und
Schülerinnen zum muslimischen Glauben bekehrt werden. Für wahrscheinlicher
halte ich es dagegen, dass die Lehrerin mit ihrem Kopftuch muslimisch geprägte
Eltern darin bestärken könnte, ihre Tochter zu veranlassen, ein Kopftuch zu tra-
gen.
6 Zur Kritik an dieser Sichtweise siehe auch Barskanmaz in diesem Band.
7 Siehe ebenso Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) v. 27.01.1959, NJW 1959,
1194, 1195.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik