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FELIX EKARDT
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definitorisch die Lehre von der richtigen Ordnung des sozialen Zusam-
menlebens; was inhaltlich für gerecht gehalten werden darf – eine von der
allgemeinen Definition des Wortes ›Gerechtigkeit‹ strikt zu scheidende Frage!
–, kommt dabei noch zur Sprache (siehe auch Ladwig in diesem Band).
Viele Konservative treibt im Kopftuch-Kontext wohl die Befürchtung um:
Ist die Zukunft liberaler Demokratien nicht zunehmend prekär, so dass die
liberale, pluralistische Demokratie angesichts (vermeintlich?) schwächelnder
kollektivistischer Entitäten wie Familie, Nation und Religion am Ende doch
nicht bestehen kann? So lautet etwa Udo Di Fabios Vorstellung (Di Fabio
2005), zu der ich eine linksliberale Gegenposition suche. Um darauf weiter
einzugehen, ist zunächst eine kurze historische Reminiszenz hilfreich. Der
klassische Liberalismus, den (nicht nur) ich schon des Öfteren unter dem
Gesichtspunkt unzureichender universaler, globaler und intergenerationeller
sowie nicht-besitzindividualistischer Gerechtigkeit kritisiert habe (siehe Anm.
1), der aber für die liberale Demokratie prägend gewesen ist, hat seine Grund-
gedanken nicht alleine erfunden. Vieles verdankt er dem meist calvinistischen
Protestantismus. Das gilt nicht nur für Theoretiker wie Thomas Hobbes, John
Locke, Immanuel Kant, Francis Bacon, Johannes Althusius und frühneuzeit-
liche Naturwissenschaftler und Politiker. In noch stärkerem Maß gilt die cal-
vinistische Vorprägung für die breite Bevölkerung oder wenigstens die Bil-
dungselite in den Ländern Westeuropas und Nordamerikas, in denen sich
klassisch-liberale Ideen in Philosophie, Wirtschaft und Recht während der
Aufklärung zunächst durchsetzten. Dies ist entscheidend, weil damit der für
das Abendland charakteristische Prozess markiert wird: Religiöse Moral- und
Politikkonzepte werden nach und nach säkularisiert, und die Religion wird
selbst zum Katalysator eines liberalen, pluralistischen Staates.
Ein Merkmal des klassischen Liberalismus war nicht nur seine relativ
starke Orientierung in Richtung auf Arbeit, Fortschritt und eine rigide Anthro-
pozentrik, die als protestantisch fundiert angesprochen werden kann (wenn-
gleich dies auch mittelalterliche Vorläufer etwa im Mönchtum hat und
theoretisch in ihrem Rationalitäts- und Individualitätsbezug fundiert ist, z.B.
bei Wilhelm von Ockham; dazu etwa Ekardt/Richter 2006). Vielmehr gibt es
auch eine individualistische und autoritätskritische Stoßrichtung des calvinis-
tischen Protestantismus: Überkommene Traditionen sollen von jedem Indivi-
duum als Interpret bzw. Interpretin der göttlichen Botschaft (ohne Vermitt-
lung durch eine Kaste von Berufsreligiösen) hinterfragt werden und jeder/jede
sollte die Bibel lesen und die Welt durch Engagement immer besser machen
können. Einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg zu Autoritäten-
schwund und Pluralismus markiert die später von Hobbes übernommene
Handlungstheorie vom eigennützig-bösen, aber dadurch zugleich sehr produk-
tiven Menschen (zunächst hieß dies ›Erbsündenlehre‹). Daraus wurde unter
anderem eine Skepsis auch gegenüber der moralischen Qualifikation der
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik