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PLURALISMUS,MULTIKULTURALITÄT UND DER ›KOPFTUCHSTREIT‹
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Wasser zu halten; denn niemand ist in einer liberalen Demokratie auf das
oben erwähnte protestantische Leistungsideal verpflichtet.
All dies gilt auch für Kulturkonflikte mit Migrationshintergrund. Eine
Verpflichtung aller Bürger/innen auf eine ›Leitkultur‹ mit Ordnung, Pünkt-
lichkeit und Anstand wäre hier unhaltbar. Aber ebenso falsch ist ein indiffe-
renter multikultureller Relativismus, wenn Migrierende ihre Töchter zwangs-
weise in die Türkei verheiraten, Mädchen gegen deren Willen vom Schulsport
befreien oder wenn Brüder ihre Schwestern physisch bedrohen, weil sie
Freundschaften mit Männern pflegen. Denn die Politik muss Freiheit auch vor
den Mitmenschen garantieren. Daran ändert auch das ›Elternrecht‹ eines Va-
ters nichts, der z.B. seine Tochter gegen ihren Willen vom Sportunterricht
befreien möchte: Denn Erziehungsrechte der Eltern sind nur eine Krücke der
Freiheit, solange der/die Einzelne die eigenen Entscheidungen noch nicht voll
überschauen kann. Sie sind keine Berechtigung, anderen nach Belieben den
eigenen Willen aufzuzwingen. Dagegen darf eine Frau selbstredend freiwillig
ein Kopftuch tragen. Sofern eine autonome Entscheidung vorliegt, verdient
dies Anerkennung. Nur jene Spielräume erlauben es den Menschen in unter-
schiedlichen Kulturen, sich ohne Unterdrückung, Demütigung und Ausgren-
zung gegenseitig als Gleiche zu sehen. Allein wenn ein Konzept eines ›guten
Lebens‹ die Freiheit der anderen stört, wird dies zu einer politischen Frage.
Gerade eine kontextualistische Position, wie sie insbesondere asiatischen
Kulturen häufig zugeschrieben wird, dürfte dennoch nicht einverstanden sein.
Sie könnte sagen, die Freiheit führe zum Zusammenbruch tradierter, wert-
voller Lebensformen wie z.B. der eingespielten familiären Rollenverteilung
oder des Lebens in einer kommunitären Sekte. Der Liberalismus bevorteile
also doch bestimmte Lebensformen und mische sich daher sehr wohl ins ›gute
Leben‹ ein. Und in der Tat: Muslimischen Kindern, die von ihrem Vater
streng reglementiert werden, könnte früher oder später die Lust auf das enge
Korsett religiös-traditionell fundierter Regeln vergehen, wenn sie nur lange
genug via Fernsehen andere Lebensoptionen mitbekommen. Doch was soll
dies besagen? Jede/jeder hat ja die Freiheit, z.B. einen bestimmten Glauben
streng zu praktizieren. So kann jeder Traditionalist in einer liberalen Gesell-
schaft mit seiner Frau – wenn sie dem zustimmt – ungehindert ein klassisches
Rollenmodell leben. Und bestimmte Lebensstile mögen sich zwar faktisch mit
der liberalen Globalisierung verbreiten; doch gleichzeitig schafft die Globali-
sierung die Wahlmöglichkeiten, sich aus einer Fülle von Optionen auch an-
dere auszusuchen.
Umgekehrt endeten schon kleinste Infragestellungen der überlieferten
Strukturen in traditionellen Gesellschaften früherer Jahrhunderte nicht selten
auf dem Scheiterhaufen – und noch heute bedrohen religiöse Extremisten
bzw. Extremistinnen freie Geister in Iran und andernorts mit dem Tod. Es
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik