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FELIX EKARDT
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spricht nicht für eine Lehre und es spricht auch nicht für gewisse Regie-
rungen, dass sie offenbar solche gewalttätigen Argumente benötigen.
Man könnte allerdings insistieren und verlangen, dass die ›Gerechtigkeit‹
von vornherein stärker religiös gedacht werden müsste, besonders (a) vor dem
o.g. historischen Hintergrund Europas und (b) vor dem Hintergrund der anhal-
tenden Präsenz religionssubstituierender sowie säkularisierter Gehalte, auch
in Europa. Selbst im heutigen Mitteleuropa sieht man oft immer noch zuerst
die Kirchen in der Expertinnenrolle für Fragen nach grundlegenden Werten;
ob es nun um Gentechnik, globale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit oder Sterbe-
hilfe geht. Doch mag Religion rein faktisch noch so präsent wirken: Sie kann
in einer pluralistischen Welt nicht mehr der gesellschaftlich-gerechtig-
keitsbezogene (also nicht private!) Kompass für Richtig und Falsch sein. Reli-
giöse Moral beruht auf Annahmen, die man glauben, aber nicht wissen kann:
die Existenz Gottes und die Erkennbarkeit seiner Regeln für den Menschen.
Die hinter dem modernen Recht stehende universalistische Moralphilosophie
(Immanuel Kant, John Rawls, Jürgen Habermas) ist zwar in Teilen Erbin der
Religion. Sie verzichtet aber auf unbelegbare metaphysische Hintergrund-
annahmen.4 Und sie kann universale moralische Grundprinzipien wie ›Frei-
heit‹ und ›Demokratie‹ besser begründen als ein religiöses System. Und Prin-
zipien, die anders als religiöse Regeln allgemein verbindlich und nicht kul-
turspezifisch gerechtfertigt sind, sind für das Zusammenleben in einer plura-
listischen und globalisierten Welt dringend nötig.
Weder ›Leitkultur‹ noch multikultureller
Relativismus: Kopftücher, aber auch antireligiöse
Karikaturen und (keine) Einbürgerungstests
Dennoch werden Kulturkonflikte mit Migrationshintergrund gerade in letzter
Zeit hochkontrovers diskutiert. Auf der einen Seite protestierten Gläubige ge-
gen Mohammed-Karikaturen und islamkritische Papst-Äußerungen, auf der
anderen Seite wurde in Deutschland über Gesinnungstests zur Einbürgerung
von Muslimen und Musliminnen oder über Lehrerinnen mit Kopftüchern de-
battiert. In Frankreich hat man auch Schülern und Schülerinnen das Tragen
religiöser Symbole vollständig untersagt. Die Zuflucht zu irgendeiner Art von
›Leitkultur‹ des ›guten Lebens‹ wäre gleichwohl nach dem Gesagten unzu-
lässig, da das ›gute Leben‹ kein möglicher Gegenstand einer gerechten Politik
ist. Jedoch wäre eine laizistische Totalverbannung aller weltanschaulichen
4 Philosophie wie Religion mögen in der Geschichte schon oft bloß die Mächtigen
scheinlegitimiert haben – sie stellen Recht und Gesellschaft aber auch einen kri-
tischen Kompass gegenüber. Das können rein naturwissenschaftliche Weltbilder
nicht: Aus naturwissenschaftlichen Messungen folgen keine Antworten auf die
Wertungsfragen danach, welchen Regeln Menschen folgen sollten.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik