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PLURALISMUS,MULTIKULTURALITÄT UND DER ›KOPFTUCHSTREIT‹
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Symbole aus dem öffentlichen Raum ähnlich zweifelhaft. Weil die Freiheit
eben die Richtschnur für die Lösung sozialer Konflikte ist, dürfen verschie-
dene Arten des ›guten Lebens‹ nebeneinander existieren, sofern sie sich nicht
ernstlich gegenseitig behindern. Ein Laizismus wie in Frankreich ist erstens
eine unnötige Freiheitseinschränkung; er unterscheidet zwar richtigerweise
zwischen ›Gerechtigkeit‹ und ›gutem Leben‹, doch ist er gegenüber der ›offe-
nen Neutralität‹ der nebeneinander existierenden Symbole die einschränken-
dere Variante. Zweitens haben und zeigen wir letztlich alle irgendeine Welt-
anschauung (und dies führt zur eingangs formulierten Einsicht in den säku-
larisiert-religiösen Charakter westlicher Lebensweisen zurück): Auch das Tra-
gen von freizügiger Kleidung oder Jogginganzügen beim Bäcker drückt letzt-
lich ein persönliches Glücksideal aus. Können nicht sogar lange Haare als
Ausdruck einer bestimmten Weltanschauung getragen werden (vielleicht ja
einer ›linken‹)? Und expliziert nicht umgekehrt jemand, der stets dunkle und
dezente Maßanzüge trägt, damit ebenfalls eine bestimmte Weltanschauung
(diesmal eine eher ›konservative‹)? Oder wie steht es um einen Lehrer, der in
den Trikots bekannter Fußballer zum Unterricht erscheint und sich auch sonst
als deren fanatischer Anhänger zu erkennen gibt? In den privaten Raum
verbannen kann man solche Symbole folglich gar nicht. Darum muss die Po-
litik Konzepte des ›guten Lebens‹ nicht etwa unsichtbar machen, sondern ne-
beneinander bestehen lassen, sofern nicht die Freiheit der Mitmenschen ein-
deutig betroffen ist, z.B. wenn eine Lehrerin die Schülerinnen zum Tragen
eines Kopftuchs drängt. Dann darf der nicht-relativistische liberale Staat die
Lehrerin genau daran hindern – ebenso wie daran, zum ›Heiligen Krieg‹ auf-
zurufen. Nicht hindern darf man sie dagegen am Tragen ihres Kopftuchs,
denn das bloße Sehen eines Kopftuchs ist für die Schüler/innen kein Frei-
heitseingriff. Auch die Mehrheit hat, wie wir sahen, kein weiter gehendes Be-
stimmungsrecht, auch wenn gängige juristische Ansichten das übergehen.
Man sage jetzt nicht, ein Kopftuch wirke intensiver als ein anderes Klei-
dungsstück: So dürften z.B. Sportabzeichen oder kurze Röcke – die aus der
Sicht mancher Muslime/Musliminnen auch eine Weltanschauung verraten,
nämlich eine emanzipierte – die Schüler/innen eher stärker als Kopftücher
beschäftigen. Im Übrigen wird man meist auf höchst unterschiedliche Leh-
rer/innen treffen, die auch optisch den unvermeidlichen, begrüßenswerten
Pluralismus liberaler Gesellschaften verkörpern. Und auch wer jetzt einen
vermeintlich ›autoritären Charakter‹ des Kopftuchs anführt, sagt nicht nur
etwas Zweifelhaftes, sondern wird zudem in den Streit der Weltanschauungen
hineingezogen, aus dem sich eine liberal-neutrale Verfassung gerade heraus-
zuhalten hat. So könnte man einwenden, dass das Christentum als Religion
der Kreuzzüge usw. doch viel autoritärer und gewalttätiger sei (erst recht träfe
in unseren Tagen der Gewaltvorwurf auf Fußballfans zu). Sagt man jetzt, dies
sei nicht das wahre Christentum, hilft dies nichts. Denn ein liberaler Staat hat
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik