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PLURALISMUS,MULTIKULTURALITÄT UND DER ›KOPFTUCHSTREIT‹
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denkt, unter welchen Bedingungen liberale Gesellschaften faktisch entstanden
sind: Man könnte dann eine Mischung vor allem aus bestimmten öko-
nomischen Interessen und kulturellen Hintergrundorientierungen als faktische
Basis entstehender Freiheitlichkeit identifizieren. Diese Bedingungen gelten
ersichtlich auch für den Fortbestand liberaler Gesellschaften. Das bedeutet
z.B.: Wenn immer mehr Menschen gewissermaßen postmodern alles Norma-
tive nur noch ironisch wahrnehmen und allein die egozentrische Selbst-
verwirklichung ins Zentrum stellen, ist dies nicht nur normativ kritikwürdig
(da es eben sehr wohl universalistische Prinzipien der ›Gerechtigkeit‹ gibt).
Es ist auch für den Fortbestand der Liberalität gefährlich in einer Zeit, in der
unter dem Druck des (realen oder auch nur befürchteten) globalisierten Ter-
rors die Freiheit schleichend immer weitere Einschränkungen erfährt.5
Die freiheitsgefährdende Indifferenz kann freilich auch aus der Multi-
kulturalität moderner westlicher Gesellschaften erwachsen, sollten hohe Zah-
len von Migrierenden eine indifferente bis ablehnende Position zu liberalen
Gerechtigkeitsprinzipien einnehmen. Doch ist einerseits zweifelhaft, ob dem
wirklich so ist und andererseits bleibt eine liberale Ordnung – bei Strafe ihrer
Selbstzerstörung – der äußeren Handlungs- und Konfliktregulierung mit einer
Normierung innerer Einstellungen bekanntlich unvereinbar. Es ist auch
gerade der Witz einer liberalen Ordnung, dass sie auf Grund ihrer Freiräume,
ihrer Kontrollmechanismen und zugleich ihrer schieren Eigennützigkeit für
die meisten Menschen auch ohne den ›Neuen Menschen‹ Mao Tse Tungs
oder vieler religiöser Traditionen möglich ist. Zwar ist es, da innere Einstel-
lungen oft irgendwann in ein äußeres Verhalten übergehen, dem Staat durch-
aus erlaubt, z.B. im Wege schulischer Erziehung für Bildungsinhalte zu sor-
gen, die gegenüber dem liberalen Staat gleich-gültige künftige Bürger/innen
unwahrscheinlicher machen. Doch kann man keine Pflicht zu mehr Gemein-
sinn oder auch mehr Patriotismus normieren. Dies geht real nicht und es
würde auch nicht unbedingt helfen, sondern an der nötigen globalen Perspek-
tive vorbeigehen. Zudem darf dies eine nicht kollektivistische sowie im
5 Man denke an die ›doppelte Freiheitsgefährdung‹: Einerseits kann eine extrem
verstandene Freiheitlichkeit liberaler Gesellschaften ebenjene Gesellschaften zur
Zielscheibe skrupelloser Gegner/innen machen – andererseits droht die Freiheit
aber auch durch ein Übermaß an Sicherheitsvorkehrungen gegen etwaige Ter-
roranschläge ad absurdum geführt zu werden. An Letzterem wäre besonders tra-
gisch, dass etwa islamistische Terroristen damit ihr Ziel, die Freiheit zu zerstö-
ren, erreichen würden. Di Fabio (2005) z.B. übersieht hier, dass das öko-
nomistische Denken des klassischen Liberalismus (›mehr Leistung‹) in seinem
Relativismus und in seinem einseitigen Freiheitsideal mit dem postmodernen
Selbstentfaltungshype durchaus verwandt ist, ja sogar im Kontext der Globali-
sierung die Logik der Sachzwänge das Resignieren des Einzelnen mit hervor-
bringt und deshalb auch nicht die richtige Antwort auf ein postmodernes Unter-
graben des Liberalismus sein kann. Der richtige Weg ist vielmehr eine positive
Freiheitsvision.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik