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DAS ISLAMISCHE KOPFTUCH, ›BAYERN MÜNCHEN‹ UND DIE GERECHTIGKEIT
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Bildung und das Wissen um relevante Alternativen – in einer sozialen Welt,
die hinreichend reich ist an wertvollen Optionen. Wer unter solchen Vor-
zeichen ein religiöses Leben führt, darf bis zum Beweis des Gegenteils als
selbstbestimmt gelten.
Wer aus eigenen Überzeugungen heraus handelt, meint ohnehin nicht, er
könne sein Selbstverständnis im strikten Sinn wählen. Überzeugungen haben
wir nicht so, dass wir sie nach Belieben fallen lassen oder auswechseln
könnten. Solange wir sie haben, finden wir uns, durch Argumente oder
Evidenzen, auf sie festgelegt (siehe ausführlich Brandom 1994: Part One, Ch.
3). Das gilt für religiöse und areligiöse Überzeugungen gleichermaßen. Die
Freiheit eines autonomen Menschen besteht darin, dass er disponiert ist, zu
seinen Überzeugungen prüfend Stellung zu nehmen, wann immer ihm gute
Gründe dafür gegeben werden. Auch ein gläubiger Mensch kann erkennen,
dass er für seinen Glauben Verantwortung trägt und sich darum offen halten
sollte für die Möglichkeit neuer Gesichtspunkte, Erfahrungen und Argumente.
Ein ethischer Liberaler wird folglich unterscheiden zwischen vernünftigen
und unvernünftigen Formen des Glaubens. Aber das ist für ihn nur ein Son-
derfall der Unterscheidung zwischen vernünftigen und unvernünftigen For-
men der Bindung überhaupt. Der ethische Liberale nimmt Partei für weltof-
fene und gegen dogmatische Weisen des Festhaltens an Überzeugungen. Und
wenn das Bildungssystem eines säkularen Staates die weltoffenen begünstigt
und dazu beiträgt, dass Dogmatismus in gleich welcher inhaltlichen Spielart
an Boden verliert, so wird er das begrüßen und nicht bedauern.
Damit werden im Ergebnis einige Glaubensrichtungen größere Probleme
haben als andere. Aber Gleichheit der Ergebnisse kann ohnehin von einem
liberalen Staat nicht verlangt werden. Ein Gemeinwesen ohne ergebnisoffen
geführten Streit der Weltanschauungen könnte kein liberales mehr sein. Der
Staat muss darauf achten, dass der Streit von jener Achtung getragen bleibt,
die alle Bürger einander als Gleiche schulden. Außerdem muss er dafür
sorgen, dass die formal gleichen Rechte für alle auch einen hinreichenden Ge-
brauchswert haben. Er muss, mit anderen Worten, für die Fairness der
Randbedingungen bürgergesellschaftlicher Konflikte bürgen. Gemeinschaften
oder Glaubensrichtungen unter Artenschutz stellen, muss er darum nicht (sie-
he hierzu auch Habermas 1993). Sie können in einem liberalen Gemeinwesen
nur überleben, solange ihnen genügend Menschen aus freien Stücken die
Treue halten.
Funktioniert der Staat im Sinne des ethischen Liberalismus, so wird er
unter anderem für ein Bildungssystem eintreten, aus dem möglichst urteils-
und kritikfähige junge Bürger hervorgehen. Das setzt jede Gemeinschaft und
jedes Glaubenssystem unter zusätzlichen Druck: Sie müssen beweisen, dass
sie auch Menschen für sich einnehmen können, die rechtfertigende Gründe
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik