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DAS ISLAMISCHE KOPFTUCH, ›BAYERN MÜNCHEN‹ UND DIE GERECHTIGKEIT
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schwer die Begründungslast wiegt. Keine Rolle dürfen inhaltliche Überzeu-
gungen spielen, die unter gewissenhaft und moralisch verantwortlich urtei-
lenden Bürgern zu Recht umstritten sind. Was dann nur bleibt, sind erstens
unparteiisch gerechtfertigte, etwa menschenrechtliche Normen, zweitens ver-
allgemeinerbare Wertungen, wie sie der ethische Liberalismus zu Gunsten des
Grundwerts personaler Autonomie vorbringt, drittens pragmatische Notwen-
digkeiten, die aus dem Organisationszweck staatlicher Schulen folgen.
Anstößigkeit
Eine erste Gruppe von Argumenten besagt, manche religiös bedeutsamen
Kleidungsstücke könnten besonders anstößig wirken. Das könnte daran lie-
gen, dass sie besonders auffällig sind, dass sie einen für die Mehrheit unge-
wohnten Anblick bieten, dass die Mehrheit sie ablehnt und/oder dass sie in
missionarischer Absicht getragen werden. Schon diese Liste macht deutlich,
dass ein Kleidungsstück aus unterschiedlichen Gründen Anstoß erregen kann,
die jeweils gesondert zu prüfen sind.
Wahr ist zunächst, dass manche Kleidungstücke eher ins Auge fallen als
andere, weil sie zum Beispiel besonders groß sind oder an prominenter Stelle
des Körpers getragen werden. Zu Konflikten in Schulen können ohnehin nur
Kleidungsstücke Anlass geben, die Schüler zu Gesicht bekommen. Ein um
den Hals getragenes kleines Kreuz wird vielleicht nur auffallen, wenn der
Lehrer sich einmal vor Schülern herunterbeugen muss. Ein Kopftuch wie
auch eine jüdische Kippa sind dagegen permanent zu sehen. Nur erwähnt sei
die Möglichkeit, dass sie Schülern aus eben diesem Grund irgendwann gar
nicht mehr auffallen könnten; wie jeder Großstadtpunk erfahren muss, wirkt
die Macht der Gewohnheit subversiv gegen die Anstößigkeit selbst solcher
Symbole, die andere verunsichern sollen. Davon abgesehen, ist die Art eines
Symbols oder religiös geprägten Kleidungsstücks abhängig vom Inhalt der
jeweiligen Lehre; das gilt teilweise auch dafür, an welcher Körperstelle es zu
tragen ist und wie groß es zu sein hat. Wer einer Lehre ernsthaft anhängt, hat
daher in beiden Hinsichten nur teilweise die Wahl. Eine Kippa oder ein
Kopftuch sind nun einmal Kleidungsstücke, mit denen Gläubige, etwa aus
Demut vor Gott, ihr Haar bedecken. Wäre das allein schon ein Grund für
ungleiche Behandlung gegenüber Christen, die ihr Kreuz um den Hals hängen
dürfen, so läge darin eine Benachteiligung auf Grund eines Umstands, den
Gläubige nicht kontrollieren können, und das wäre unfair.
Was man sicher von Lehrkräften verlangen kann, ist die Wahl einer
möglichst dezenten Bekleidungsweise. Was aber möglich ist, hängt auch
davon ab, worum es dem Lehrer inhaltlich geht. Als Argument für einen
Ausschluss bleibt dann nur, dass manche Kleidungstücke objektiv ungeeignet
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik