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BERND LADWIG
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ne? Ganz gewiss werden religiöse Menschen sich in einer solchen Deutung
der ihnen wichtigen Zeichen nicht wiederfinden. Oder aber, wir nehmen den
religiösen Gehalt ernst, dann müssen wir einräumen, dass er andere aus-
schließt. Man kann nicht beides haben: spezifische Aussagen unter Verwen-
dung religiös geprägter Ausdrucksmittel und Einbeziehung aller Bürger über
alle religiös-weltanschaulichen Grenzen hinweg. Der Preis für Bestimmtheit
ist Ausgrenzung; der Preis für Inklusion ist Unbestimmtheit.
Die zweite Erwiderung lautet, dass Symbole, die Ausdruck einer
hegemonialen Kultur sind, nicht auch noch der gesetzlichen Bevorzugung im
öffentlichen Raum bedürfen. Einer hier lebenden Muslimin werden ohnehin
auf Schritt und Tritt Zeugnisse des christlichen Abendlands begegnen. Das
typische Ortsbild wird von Kirchtürmen geprägt, nicht von Minaretten, zu
festgelegten Stunden lärmen Glocken, nicht der Muezzin. Weil jedes Gemein-
wesen von seiner besonderen Geschichte geprägt ist, die zugleich die einer
Mehrheitsbevölkerung ist, ist völlige kulturelle Neutralität eine Illusion. Um
die christliche Prägung dieses Landes brauchen wir uns also bis auf weiteres
keine Sorgen zu machen. Sie steht und fällt nicht mit der Bereitschaft, ihr
auch noch in Räumen Nachdruck zu verschaffen, die solche für alle Bürger,
gleich welcher Herkunft und Überzeugung, sein müssen.
Wenn daher jemand unparteiisch akzeptable Gründe für Ausnahme-
regelungen vorbringen kann, dann die Muslimin, nicht die Christin. Die Mus-
limin kann geltend machen, dass ein Verzicht auf das Kopftuch für sie
besonders hart wäre, weil sie ohnehin in einer von fremden Überzeugungen
und Praktiken geprägten kulturellen Welt leben muss. Ein für Differenzen
sensibles Verständnis von gleicher Rücksicht und Achtung wird darum ›mo-
derat multikulturalistisch‹ sein. Es wird vorsehen, dass auch Angehörige von
Minderheiten ihre Symbole in den öffentlichen Raum tragen können (siehe
ausführlich Kymlicka 1995). Dessen völlige kulturelle Neutralisierung, selbst
wenn sie erreichbar wäre, würde nur die kulturelle Ungleichheit im vor-
politischen Bereich umso deutlicher hervortreten lassen.
Daraus ergibt sich ein prinzipieller Einwand gegen eine ›quasilaizistische‹
Lösung, wie sie das Land Berlin gefunden hat. Ihr Charme augenscheinlicher
Neutralität verdeckt ihren entscheidenden Nachteil. Sie mutet Menschen, die
ohnehin starke Fremdheitsgefühle überwinden müssen, den Verzicht auf
Symbole zu, die ihnen das Gefühl gäben, auch im öffentlichen Raum sie
selbst zu sein. Sie bedeutet Gleichbehandlung – aber um den Preis, dass
Minderheiten sich weniger als zuvor als Gleiche geachtet wissen.
Diesem prinzipiellen Einwand gegen eine quasi-laizistische Lösung steht
ein pragmatischer zur Seite. Er lautet, dass sie muslimische Frauen in ver-
meidbare Loyalitätskonflikte stürzt: Sie müssen sich zwischen ihrem Glauben
und ihrem Berufswunsch entscheiden. Gerade wer fürchtet, Fundamentalisten
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik