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DAS ISLAMISCHE KOPFTUCH, ›BAYERN MÜNCHEN‹ UND DIE GERECHTIGKEIT
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könnten unter Muslimen in unseren Städten Einfluss gewinnen, sollte sich
prima facie über jede Muslimin freuen, die einen anspruchsvollen und mit öf-
fentlicher Sichtbarkeit verbundenen Beruf ergreift. Schließlich fürchten Fun-
damentalisten kaum etwas so sehr wie selbstbewusste und beruflich eigen-
ständige Frauen. Die ›Berliner Lösung‹ dürfte aber dazu führen, dass manche
Frauen, die gern Lehrerinnen geworden wären, dies mit Rücksicht auf ihren
Glauben bleiben lassen. Außerdem gibt sie anderen Arbeitgebern das Signal,
Frauen mit Kopftuch sei nicht zu trauen. Das könnte die vom Gesetzgeber
sicher nicht intendierte Folge haben, Musliminnen auch in der Privatwirt-
schaft um Beschäftigungsgelegenheiten zu bringen, die ihre Eigenständigkeit
gestärkt hätten.
Beide Argumente, das prinzipielle und das pragmatische, sprechen dafür,
Frauen in der Regel auch mit Kopftuch zum Schuldienst zuzulassen. Für
Ausnahmen bedürfte es des Nachweises konkreter Gefahren, die indes nicht
darin bestehen können, dass Schüler oder Eltern aus Mangel an Aufklärung
oder aus Ressentiment gegen eine Lehrkraft mobil machen, deren Erschei-
nungsbild ihnen wenig vertraut ist. In solchen Fällen wären Aufklärung und
das Eintreten für die Grundnorm gleicher Achtung und Rücksicht geboten,
nicht das Zurückweichen des Staates durch Ausschluss der Lehrerin.
Starke und schwache Wertungen
Das bringt mich zurück zu meinem Ausgangsszenario: dem Dortmunder
Lehrer im Fußballtrikot von ›Bayern München‹: Die Intuition, das Schulamt
dürfe ihm das Tragen des Trikots untersagen, findet, so meine ich, eine zu-
reichende Grundlage in der konkreten Gefahr für den Schulfrieden, die es
darstellt. Das könnte nun so aussehen, als bestehe zwischen Trikot und
Kopftuch kein wesentlicher Unterschied. Auch Kopftücher dürfte der Staat
seinen Lehrerinnen untersagen, wenn anders ein geordneter Unterricht wohl
nicht möglich wäre und die Störungen nicht von Ignoranz oder moralisch
falschen Motiven herrührten.
Manche Liberale argumentieren denn auch, wir sollten zwischen religiös
bedeutsamen und sonstigen Kleidungsstücken gar keinen Unterschied ma-
chen. Wir sollten sie allesamt so behandeln, als stünden sie für Geschmacks-
präferenzen, die den Staat nichts angehen. Ob Ohrringe, T-Shirts, Trikots,
Jeans, lange oder kurze, gefärbte oder gar keine Haare, Baskenmützen, Kip-
pas, Kreuze oder Kopftücher: Der Staat solle sich jeder Hermeneutik von
Erscheinungsbildern enthalten, die seine Bediensteten bieten mögen. Und er
müsse bedenken, dass diese ein Recht auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit
haben, das jeden Eingriff rechtfertigungspflichtig macht (siehe auch Ekardt in
diesem Band). Dafür könne es nicht genügen, wenn einem Schulamt eine
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik