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BERND LADWIG
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religiöse Botschaft missfällt. Es müsste dann konsequenterweise auch
›Prada‹-Hemden verbieten dürfen, wenn es sie etwa protzig fände. Also: von
Notlagen abgesehen, Finger weg von Bekleidungsvorschriften im öffentlichen
Dienst!
Der ethische Liberalismus, den ich für angemessen halte, kann es sich so
einfach nicht machen. Auch aus seiner Sicht sprechen, wie ich zeigen wollte,
gute Gründe dafür, Frauen das Tragen islamischer Kopftücher an staatlichen
Schulen generell zu gestatten. Aber die Gründe haben etwas mit dem be-
sonderen Stellenwert religiöser Überzeugungen zu tun. Ein ethischer Libera-
ler meint, wer solche Überzeugungen mit Geschmackspräferenzen oder belie-
bigen Leidenschaften auf eine Stufe stellt, missversteht die Art von Neutra-
lität, die von Liberalen verlangt ist. Liberale sind nicht dazu gezwungen, die
Unterscheidung zwischen starken und schwachen Wertungen einzuebnen.14
Warum etwa sollte der britische Staat grundsätzlich für den Anspruch
eines Sikh15 empfänglich sein, auch im Polizeidienst den traditionellen Turban
zu tragen? Weil dieses Kleidungsstück für eine identitätsbestimmende Über-
zeugung steht. Es wäre nun ein Missverständnis zu meinen, der Staat ergreife,
indem er zu Gunsten von Sikhs eine Ausnahme mache, Partei für deren reli-
giöse Positionen. Wofür er Partei ergreift, ist die Möglichkeit, im Einklang
mit gleich welchen wohlbegründeten Überzeugungen zu leben, die das eigene
Selbstverständnis prägen. Er nimmt Partei nicht für das Was, doch für das Wie
der Lebensführung von Personen, und er behandelt sie dabei wenn nicht
gleich, so doch jederzeit als Gleiche.
Ein liberaler Staat sollte darum einige Freiheiten sehr viel wichtiger
nehmen als andere und die mit ihrer Einschränkung verbundenen Recht-
fertigungspflichten sehr unterschiedlich gewichten. Schließlich vergeht er
sich, wenn er etwa Einbahnstraßen ausweist, nicht nennenswert an der Auto-
nomie seiner Bürger. Sehr viel gravierender wäre es, griffe er in die Glau-
bensfreiheit ein. Sie steht pars pro toto für solche Praktiken und Über-
zeugungen, die das Leben von Menschen mit Sinn erfüllen. Gleichheit der
Rücksicht und Achtung schließt ein, für Differenzen sensibel zu sein, die
identitätsbestimmende Praktiken und Überzeugungen betreffen, soweit sie
moralisch vertretbar sind und Bürger sich, ohne unvernünftig zu sein, an sie
binden können.
Das scheint mir die beste argumentative Grundlage dafür zu sein, die Lan-
desgesetzgeber und ihre Schulämter zu einer ›moderat multikulturalistischen‹
Behandlung von ›Kopftuchfällen‹ anzuhalten. ›Moderat multikulturalistisch‹
14 Die Unterscheidung zwischen starken und schwachen Wertungen übernehme
ich von Charles Taylor; siehe Taylor 1992: 9 ff.
15 Die Sikhs bilden eine ursprünglich aus dem nördlichen Indien stammende Reli-
gionsgemeinschaft. Der Turban hat bei ihnen eine heilige Bedeutung.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik