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ELISABETH HOLZLEITHNER
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der Perspektive des dadurch generierten komplexen Spannungsfelds einen
Blick auf die Debatte über das aus religiösen Motiven getragene Kopftuch
und andere religiöse und kulturelle Praktiken zu werfen, die mit Blick auf das
Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit problematisch sein können. Dabei
werde ich den Fokus nicht nur auf die Praktiken von immigrierten Anderen
richten, sondern durchgängig auch Blicke auf die Eigenheiten der westlichen
Kultur richten. Ein feministischer Ansatz muss den Fokus auf die proble-
matischen Praktiken der eigenen Kultur als kulturelle Praktiken richten und
darf sich nicht als über den Dingen stehender autoritativer Diskurs gerieren,
der aus der Position von Unbeteiligten anderen Personen Zensuren verteilt.
Das gilt auch und vor allem für die Kopftuchdebatte, die stark darunter leidet,
dass manche besonders streitbare Feministinnen – im Einklang mit großen
Teilen der öffentlichen Meinung4 – vorgeben, besser zu wissen, was das Tra-
gen eines Kopftuchs bedeutet, als dessen Trägerinnen selbst.
Feminismus versus Multikulturalismus?
Um die Debatte zwischen ›Feminismus‹ und ›Multikulturalismus‹ als einen
Hintergrund des Kopftuchstreits zu verstehen, müssen einige Vorbemerkun-
gen über Entwicklung, Stand und Rezeption multikulturalistischer Theorie-
bildung gemacht werden. Von Beginn an stand sie in expliziter Abgrenzung
zu liberalen Ansätzen in der politischen Philosophie, deren Unzulänglich-
keiten sie vermeiden wollte, um eine andere, adäquate Art des Umgangs mit
kultureller und religiöser Vielfalt vorzuschlagen. Liberale Konzeptionen
scheinen hier auf Grund ihrer Geschichte und engen Verzahnung mit dem
kolonialistischen Projekt der Moderne sowohl mit Blick auf religiös-kul-
turellen Pluralismus wie auch hinsichtlich der Situation von Frauen dis-
kreditiert (siehe auch Ekardt und Ladwig in diesem Band).
Die Liste der Vorwürfe gegen liberale Positionen ist lang; darunter findet
sich ihre nur scheinbare Neutralität gegenüber verschiedenen Lebensweisen
und Kulturen sowie ihre Unaufgeklärtheit und Ignoranz hinsichtlich ihrer
eigenen kulturellen Voraussetzungen. Kritisiert wird u.a., dass der Libera-
lismus die Pflege der eigenen Religion und Kultur als Privatangelegenheit
ansehen und die politische Öffentlichkeit davon freihalten will. Die damit ge-
forderte und auch erzeugte Unsichtbarkeit kultureller und religiöser Differenz
findet sich gleichsam spiegelbildlich auch als Thema feministischer Kritik:
Die liberale Akzeptanz und Beförderung der Sphärentrennung von Öffent-
lichkeit und Privatheit trage zur Befestigung der nachteiligen Situation von
Frauen bei, indem diese auf ihre traditionellen Funktionen in der Privatsphäre
4 Siehe etwa die von Stereotypen geprägten in Teilen äußerst gehässigen Postings
im Anschluss an einen Artikel in Der Standard v. 24.09.2008, abrufbar:
http://derstandard.at/?url=/?id=1220458861719, 03.10.2008.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik