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ELISABETH HOLZLEITHNER
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oder nationaler Gruppen nicht unbeeinflusst davon sind, welchem Geschlecht
sie angehören. Okin macht darauf aufmerksam, dass die Bildung von Grup-
penidentitäten häufig durch deren mächtige männliche Vertreter behauptet,
angestoßen und auferlegt wird. Ebenso zeigt sie, dass solche Identitätsbil-
dungen typischerweise entlang der Geschlechtergrenzen verlaufen und männ-
lichen sowie vor allem weiblichen Angehörigen rigide Rollen zuweisen.8
Meist kreisen religiös-kulturelle Vorgaben um männliche und weibliche
Sexualität und erlegen vor allem Frauen Einschränkungen ihrer Entfaltungs-
möglichkeiten auf; die Kontrolle des Sexuellen erweist sich häufig als Kon-
trolle von Frauen. Verfechterinnen und Verfechter von Gruppenrechten wür-
den dies übersehen oder stillschweigend akzeptieren, weil sie – wie ihre Kol-
leginnen und Kollegen aus dem Lager des ›Liberalismus‹ – dem privaten Le-
ben nur wenig oder gar keine kritische Aufmerksamkeit schenken. Gerade
dort aber würden Genderdifferenzen ausagiert – nicht nur was die Aufgaben-
verteilung zwischen erwachsenen Männern und Frauen anbelangt, sondern
auch in der unterschiedlichen Art, wie Mädchen und Jungen aufwachsen
(Okin 1999: 12). Religionen und Kulturen erscheinen so geradezu als Tum-
melplätze starrer, sich auf Tradition und Herkunft berufender Haltungen, die
als ›Sexismus‹ identifiziert werden können. Die religiöse Pflicht zum Kopf-
tuchtragen gilt vielen als Paradebeispiel für solche Einschränkungen des Le-
bens von Frauen.
Autorinnen wie Sawitri Saharso sind mit ihrer Einschätzung zurückhal-
tender. Saharso besteht darauf, dass jene kulturellen Vorgaben, welche Frauen
in ihrer Selbstbestimmung und in ihren Entfaltungsmöglichkeiten einschrän-
ken, »nicht lediglich Ausdruck von Frauenfeindlichkeit« (Saharso 2008: 13)
seien, sondern der Erhaltung der Gruppe dienen. Sie schließt daraus: »Der-
artige Vorschriften zu beseitigen, würde die unverwechselbare Gruppeniden-
tität gefährden« (ebd.). Damit ist allerdings das Spannungsverhältnis von ›Fe-
minismus‹ und ›Multikulturalismus‹ in seiner Reinform auf den Punkt ge-
bracht. Wenn ›Multikulturalismus‹ bedeutet, Gruppennormen statisch zu er-
halten, dann werden die Platzanweisungen für Frauen und Männer bestehen
bleiben. Es war ein Verdienst von feministischen Analysen, den kulturellen
Lack abzukratzen und auszuweisen, dass bestimmte, gerade in der eigenen
Kultur vorfindliche Normen nicht einfach erhaltenswerte Folklore darstellen,
8 Es ist ironisch, dass Okins Argument ganz grundlegend darauf beruht, dass reli-
giös-kulturelle Gruppen intern nicht homogen sind, dass man ihr aber in der Kri-
tik immer wieder vorgehalten hat, sie habe ein essenzialisierendes Bild von
Gruppenidentitäten. Gleich viel Kritik hat es ihr zudem eingebracht, dass sie
etwa zwischen älteren und jüngeren Frauen unterscheidet, wenn sie meint:
»Unless women – and, more specifically, young women (since older women of-
ten are co-opted into reinforcing gender inequality) – are fully represented in
negotiations about group rights, their interests may be harmed rather than pro-
moted by the granting of such rights« (Okin 1999: 24).
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik