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ELISABETH HOLZLEITHNER
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patorischer Art. Das scheint selbstverständlich zu sein. Dennoch existiert eine
große Skepsis gegenüber einer Berufung auf ›Autonomie‹. Das Problem
dürfte darin liegen, dass damit ein zentraler Wert der in Misskredit geratenen
männlich-eurozentristischen Aufklärung in den Mittelpunkt gestellt wird.
Schließlich wurde ›Autonomie‹ zunächst gerade unter Ausschluss von Frauen
und Fremden konzipiert. Indem man auf ihr angebliches ›Wesen‹ rekurrierte,
sprach man ihnen die Fähigkeit zur Autonomie schlicht ab.11 Tatsächlich fin-
den sich bei großen Theoretikern wie Immanuel Kant geradezu bestürzende
Belege für solche Argumentationen, noch dazu in Texten, die nicht zu Un-
recht als Meilensteine der politischen Philosophie gelten (siehe z.B. Kant
1977). Autonomie wird darin für heterosexuelle, weiße und männliche Besitz-
bürger reserviert; alle anderen sind von diesem Status ausgeschlossen, sei es
auf Grund ihrer ›Natur‹, ihrer Sozialisation oder ihrer sozio-ökonomischen
Lage (siehe auch Hegel 1821: § 166, Zusatz).
Mit solchen reduktionistischen Interpretationen ist aber, wie ich meine,
nicht das Prinzip der ›Autonomie‹ als solches diskreditiert. Wenn man es ein-
setzt, um Praktiken und Situationen auf ihre Zuträglichkeit für autonomes
Handeln hin zu befragen, kann dies zu einer vertieften Analyse einiges bei-
tragen. Ich möchte das Prinzip der ›Autonomie‹ daher als Frage nach jenen
Bedingungen verstanden wissen, unter denen eine Person über die Angelegen-
heiten ihres Lebens selbstbestimmt zu entscheiden vermag. Dafür bedarf es
grundsätzlich dreier Voraussetzungen (Friedman 2003: 3 ff; Raz 1986: 372 f):
(1) Das Vorhandensein eines adäquaten Bereichs von Lebensmöglichkeiten.
(2) Die emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten, um Möglichkeiten wahr-
zunehmen, zu reflektieren und sich dafür oder dagegen zu entscheiden.
(3) Die relative Abwesenheit von Zwang und Manipulation.
Dass ›Autonomie‹ unter den genannten drei Bedingungen steht, bedeutet nicht
zuletzt, dass ›Autonomie‹ nichts Natürliches ist, sondern dass die Frage, ob
ein autonomes Leben möglich ist, davon abhängt, wie eine Gesellschaft diese
Bedingungen gestaltet. Im Folgenden möchte ich am Beispiel des Kopftuch-
tragens und anderer religiöser oder kultureller Praktiken näher ausführen, was
darunter verstanden werden kann.
11 Wenn ›Autonomie‹ aus Wesensargumenten hergeleitet wird, dann ist das Aus-
druck von stereotypisierenden Vorurteilen, die Menschen an eine bestimmte Si-
tuation ketten wollen und die anderen nützen; es ist Ausdruck eines hierar-
chisierten Machtverhältnisses.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik