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DER KOPFTUCHSTREIT ZWISCHEN FEMINISMUS UND MULTIKULTURALISMUS
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Ahadi, hat dies drastisch als Form »mentaler Kindesmisshandlung« (zit. nach
Zacharakis 200720) bezeichnet und ein Kopftuchverbot für Schülerinnen wie
für Lehrerinnen gefordert. Mit einem solchen Verbot würde man Eltern und
Umfeld daran hindern, von ihren Töchtern das Kopftuchtragen zu erzwingen.
Die Gedankenfigur ist klar: Die momentane wie auch zukünftige Freiheit vom
Kopftuchtragen kann nur dann gewährleistet werden, wenn das Kopftuch-
tragen verboten wird, da sonst die Gefahr zu groß ist, dass ein Mädchen dazu
gezwungen wird. Erst das Verbot macht autonom im Sinne der Möglichkeit
des Verzichts auf das Kopftuch. Nun mag es Kontexte geben, in denen der
durch das Umfeld ausgeübte Druck auf jungen Mädchen derartig lastet, dass
nur ein Verbot die Freiheit, ohne Kopftuch zu leben, eröffnet (Badinter 2002:
143 f). Ob dies der Fall ist, ergibt sich aus einer Einschätzung der sozialen
Verhältnisse, die auch auf Werturteilen beruht und daher jedenfalls umstritten
bleiben wird.
Conclusio
Die Analyse des Kopftuchstreits unter Bezugnahme auf die Bedingungen der
›Autonomie‹ macht die ganze Angelegenheit nicht einfacher. Es gibt keine
simplen Lösungen für weibliche Autonomie. Sie auf ihre Bedingungen hin zu
befragen bedeutet, einen offenen Zugang zur Welt einzunehmen, der mit
Sensibilität die komplexen Kontextualitäten des Lebens wahrnimmt. Mit
Blick auf Themen wie das ›Kopftuch‹ bedeutet dies, dass Lösungen für etwa-
ige auftretende Konflikte schwerlich über allgemeine Normen gefunden wer-
den können. Aus meiner feministischen Perspektive sind gleichwohl einige
Prinzipien auf der Metaebene nicht verhandelbar. Wer sich für die gleiche
Freiheit von Frauen einsetzt, setzt sich auch dafür ein, dass die Lebensop-
tionen für Mädchen und Frauen nicht geringer sein dürfen als jene von Jungen
und Männern und dass sie systematisch ermutigt und nicht entmutigt werden
sollen. Entsprechende Ansätze finden sich auch und gerade bei ›Neo-Muslimas‹,
die ihr Emanzipiertsein in einer Verbindung von religiöser Disziplin und welt-
lichem Fortkommen leben (Nökel 2002; siehe auch Monjezi Brown in diesem
Band). Dass sie dabei immer wieder an die Grenzen religiös-patriarchaler Wider-
stände stoßen, wird in vielen Darstellungen ihrer Situation deutlich. Genauso
häufig allerdings sind Erfahrungen der Ablehnung seitens einer westlichen Ge-
sellschaft, die angeblich um ihre Emanzipation besorgt ist, sie ihnen gleichzeitig
aber nur um den Preis zugestehen will, das Kopftuch abzulegen.
Aus dem Vorangegangenen lassen sich aus meiner Perspektive für den
Kopftuchstreit zwei Punkte destillieren. Erstens, Kopftuchverbote sind in den
20 In der Überschrift zum Artikel wurde diese Aussage verkürzt auf »Kopftuch ist
Kindesmisshandlung« (Zacharakis 2007).
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik