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CENGIZ BARSKANMAZ
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und ob sie etwa zur Legitimierung von Forderungen nach einer repressiven
Politik gegen die Männer der Minderheitsgruppen dienen.4
Kulturalisierung des Islams und kultureller Rassismus
Anhand dieser aktuellen Themen wird der Islam in medialen (kritisch dazu
Paulus 2007; Schiffer 2005) und populärwissenschaftlichen Diskursen (Kelek
2005; Kelek 2006) kulturalisiert, mit Islamfundamentalismus und Terrorismus
in einem Atemzug genannt und als wesentlicher Erklärungsgrund für jeg-
lichen Missstand innerhalb der ›muslimischen community‹ herangezogen
(Attia 2007). An diesem Antiislamdiskurs ist nicht nur die Mehrheitskultur
beteiligt, sondern auch die Personen – besonders Frauen – mit Migrationshin-
tergrund, denen die Funktion der authentischen Stimme zukommt (z.B.
Seyran Ateş, Necla Kelek). Wie im kolonialistischen Orientalismusdiskurs
findet hier eine Kulturalisierung des Islams statt, die den Islam als Bedrohung
abendländischer christlicher Zivilisation konstruiert.
Diese Kulturalisierung findet ihren Ausdruck in einem antimuslimischen
oder antiislamischen Rassismus (ebd.; Rommelspacher 2007; Castro Vare-
la/Dhawan 2006). Dieser kulturell fundierte ›Neorassismus‹ geht nicht mehr
von einem biologistischen Rassen-Konzept mit auffälligen körperlichen Ei-
genschaften aus, sondern nimmt die Zugehörigkeit zu einer konstruierten
fremden Kultur als Markierungs- und Determinierungskriterium für die in-
tellektuellen und persönlichen Eigenschaften der Betroffenen auf. Dieser Pro-
zess des kulturellen ›Othering‹ positioniert und fixiert die andere Existenz-
form in unverrückbarer Distanz zur eigenen westlichen Kultur, so dass eine
unüberwindbare binäre Opposition zwischen dem überlegenen Eigenen und
dem unterlegenen Anderen entsteht. Es wird also prima facie nicht mit bio-
logistischen Rassen-Kategorien argumentiert, sondern mit einer tradi-
tionsreichen Redeweise von der ›Andersartigkeit‹ der Minderheitskulturen,
die eine Abwertung bis hin zur Kriminalisierung der Minderheitsgruppen
impliziert. Folglich komme es darauf an, die deutsche Gesellschaft und ihr
Kulturgut vor der ›islamischen Überfremdung‹ zu schützen, wie von Ini-
tiativen gegen Moscheebauten – wie etwa ›pro Köln e.V.‹5 – immer wieder
betont wird. In dieser neuen Form von differentialistischem Rassismus oder
»Rassismus ohne Rassen« (Hall 2000: 7) kommt der »Unaufhebbarkeit der
4 Prominentes Beispiel ist der offene Brief »Becklash« (Bendkowski et al. 2003);
siehe auch Berghahn/Rostock/Bendkowski und John in diesem Band.
5 Die Bürgerbewegung ›pro Köln e.V.‹ wurde schon 1996 gegründet, gewann aber
vor allem wegen ihrer Initiative gegen den Bau der Köllner Groß-Moschee in
den letzten Jahren an öffentlicher Bedeutung. Abrufbar: http://www.pro-koeln-
online.de, 22.08.2008. Dem Verein wird vom Verfassungsschutz des Landes
Nordrhein-Westfalen (NRW) ein rechtsextremistischer Hintergrund zugesprochen,
abrufbar: http://www.im.nrw.de/sch/29.htm#, 02.09.2008.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik