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FEMINISMUS UND KULTURELLE DOMINANZ
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Nun ist uns ein solches Geschlechtermodell keineswegs fremd und weit davon
entfernt, in dieser Gesellschaft überwunden zu sein. In weiten Bereichen kon-
servativer und insbesondere auch christlicher Kreise ist die Annahme einer
unterschiedlichen Wesenheit von Mann und Frau selbstverständlich. Aller-
dings wird dies in der Regel hingenommen und nicht weiter zum Gegenstand
politischer Auseinandersetzungen und feministischer Kämpfe gemacht. Zu-
gleich wird jedoch das muslimische Modell angegriffen; und dies nicht zuletzt
auch deshalb, weil darauf das konservative westliche Geschlechtermodell
projiziert wird. So verbinden die meisten mit dem muslimischen Modell ein
traditionelles Geschlechterverhältnis nach westlichem Zuschnitt, wenn sie
vermuten, dass sich unter dem Kopftuch eine rechtlose Hausfrau oder eine
Bäuerin ohne Schulbildung verberge.
Zugleich wird in den Debatten um Zwangsheirat und Ehrenmorde ein
recht grobschlächtiges Bild von dem Geschlechterverhältnis entworfen, indem
gewalttätige Männer ohnmächtigen Frauen gegenübergestellt werden (siehe
etwa Kelek 2006). In solch polarisierende Bilder passt z.B. nicht, dass auch
Männer Opfer von Zwangsverheiratung werden, ebenso wenig wie die Tat-
sache, dass vielfach auch Frauen an der Durchsetzung dieser Heiraten be-
teiligt sind. Frauen können, wie die feministische Debatte der letzten Jahr-
zehnte zeigte, Mittäterinnen oder auch Täterinnen sein. Die patriarchalen
Machtverhältnisse sind nicht einfach als polare Gegensätze zu verstehen,
vielmehr sind sie vielschichtiger und widersprüchlicher. Auch Frauen kommt
je nach Kontext Macht zu, was jedoch nicht heißt, dass sie damit die über-
geordneten männlichen Machtstrukturen außer Kraft setzen. Insofern sind
Männer und Frauen Teil eines Systems mit unterschiedlichen Optionen in un-
terschiedlichen Kontexten. Gendertheorien versuchen diese Tatsache konzep-
tionell zu fassen. Insofern fragt sich, ob die Debatte um den Islam nicht unter
anderem auch dazu dient, bestimmte überholte Positionen innerhalb der fe-
ministischen Diskussion wieder heraufzubeschwören. Es ist, als ob hier ar-
chaische Verhältnisse herrschten, die der differenzierten Betrachtung nicht
bedürfen.
Die in diesen Debatten gezeichneten Bilder haben sehr konkrete Auswir-
kungen auf die gesellschaftliche Position der Menschen islamischen Glau-
bens, insbesondere auch auf die der Frauen. So haben sie deutlich schlechtere
Chancen auf dem Arbeitsmarkt und zwar u.a. mit der Begründung, dass sie
traditionell und familienorientiert seien und deshalb keinen beruflichen Ehr-
geiz entwickeln würden. Demgegenüber gelten die deutschen Frauen als
emanzipiert; da dies mit Intelligenz und beruflicher Kompetenz identifiziert
wird, werden sie den anderen Frauen gegenüber vorgezogen (Attia/Marburger
2000; zusammenfassend Castro Varela/Clayton 2003). Dazu kommt die Sig-
nalwirkung des Kopftuchverbots im Öffentlichen Dienst, die inzwischen auch
in der privaten Wirtschaft zu erheblichen Benachteiligungen für Frauen mit
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik