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BIRGIT ROMMELSPACHER
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bensverhältnisse und damit auch unterschiedliche Perspektiven von Frauen
und Männern. Ohne eine Distanznahme in der Rückbesinnung auf diese Un-
terschiede würde frau sich ganz dem männlichen Lebensentwurf unterwerfen.
So erklärt sich auch, warum oft gerade Feministinnen die Unterschiede nicht
nur betonen, sondern sie mithilfe von Frauenräumen und in Form spezifischer
Frauenkulturen auch immer wieder neu herstellen. In diesem Sinn ist diese
Differenz auch Quelle von Kritik und Widerstand.
Dieser Widerspruch zwischen ›Gleichheit‹ und ›Differenz‹ begegnet uns
auch in den Konstruktionen der ›anderen Frau‹: Sie soll gleich werden und
doch verschieden bleiben. Sie soll gleich werden, um den Emanzipations-
auftrag zu erfüllen, gleichzeitig soll sie jedoch verschieden sein, um eine
Kontrastfolie für das eigene Fortschreiten zu bieten. So symbolisiert im
Orientalismus die orientalische Frau all das, was die westlichen Frauen hinter
sich gelassen haben. Darin gründet wiederum das Interesse daran, vor allem
die negativen Aspekte im Leben der anderen Frauen hervorzuheben. So kon-
statiert etwa Ann E. Mayer:
»Die westlichen Frauen sind immer auf Praxen fixiert, die sie am Schockierendsten
finden, weil sie am meisten von ihren eigenen Vorstellungen entfernt sind. Die Priori-
täten von Frauen, die in muslimischen Ländern leben, können ganz andere sein, als die
Themen, die ein westliches Publikum beschäftigt, das die Bestätigung von Stereo-
typen über orientalische Barbarei wünscht« (Mayer 2003: 159).
Das gleichzeitige Bemühen um die Angleichung der anderen Frau und das
Festhalten an ihrem Anderssein lässt sich am Beispiel der Religion veran-
schaulichen: Emanzipation wird im westlichen Selbstverständnis gemäß sei-
nem Aufklärungs- und Forschrittsdenken oft mit der Überwindung der Reli-
gion gleichgesetzt. Dementsprechend wird die gläubige Muslima zum Sinn-
bild einer alten Ordnung. Unzählige Abbildungen von Frauen mit Kopftuch in
den Medien und nicht enden wollende Diskussionen über Gefahren, die da-
raus erwachsen könnten, sprechen dafür, dass dieses Bild in ganz besonderer
Weise emotionale Reaktionen zu mobilisieren vermag. Mit seiner andau-
ernden Präsenz werden Vorstellungen von der gläubigen Muslima immer
wieder beschworen und sie so in dieser Rolle festgehalten. Gleichzeitig wird
sie jedoch aufgefordert oder gar gezwungen ihr Kopftuch abzulegen.3
Ein weiteres Kennzeichen des westlichen Feminismus ist nach Aida Hu-
tardo (1996) sein Desinteresse an strukturellen Fragen bei gleichzeitiger Be-
tonung der Bedeutung persönlicher Einstellungen und Verhaltensweisen. Die-
ser ›Personalismus‹ lasse sich damit erklären, dass die weißen Mittelschicht-
3 In diesem Sinn gibt Anja Jedlitschka (2004) ihrer Untersuchung über »Weibli-
che Emanzipation im Orient und Okzident« den Untertitel »Von der Un-
möglichkeit die andere zu befreien«.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik