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BIRGIT ROMMELSPACHER
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wendig darauf, dass das patriarchale Geschlechterverhältnis die zentrale
Grundlage für die Analyse aller gesellschaftlichen Machtverhältnisse sei. Im
Wesentlichen geht es hier also um unterschiedliche Schwerpunktsetzungen.
Liberaler Feminismus:
Autonomie und Unterordnung
Die Entscheidung für das muslimische Kopftuch ist auch den meisten
liberalen Feministinnen ein Dorn im Auge, denn für sie ist es ein Symbol von
Abhängigkeit und Unterordnung. Aber selbst wenn das Kopftuch die Unter-
ordnung der Frau unter den Mann symbolisieren sollte, fragt sich, ob es den
westlichen Gesellschaften überhaupt zusteht, das Ablegen des Kopftuchs
einzufordern oder gar zu erzwingen? Wird hier mit unterschiedlichem Maß
gemessen? Wird etwa der westlichen Frau untersagt, sich für die Haus-
frauenrolle anstatt für eine Berufstätigkeit zu entscheiden? Mehr noch: Wird
eine Frau daran gehindert zu ihrem Ehemann zurückzukehren, selbst wenn er
sie misshandelt und geschlagen hat? Hat die Frau nicht auch die Freiheit, ihre
Unfreiheit zu wählen?
Widersprüchliche Freiheiten
Es lohnt sich bei dieser Frage etwas zu verweilen, um den Fallstricken einer
apodiktischen Gegenüberstellung von ›Freiheit‹ und ›Unterdrückung‹ auf die
Spur zu kommen (siehe auch Ekardt, Ladwig und Holzleithner in diesem
Band). Selbst für Frauen, die in ihren Familien Gewalt erfahren haben, gibt es
gewichtige Gründe, sich dennoch für die Familie zu entscheiden: Sei es, dass
ihnen der Familienzusammenhalt wichtiger ist als ihre eigene körperliche
Unversehrtheit; sei es, dass sie die Konsequenzen einer anderen Entscheidung
wie etwa Isolation, soziale Ächtung oder ökonomische Notlagen mehr fürch-
ten als die Gewalt. Das bedeutet nicht diesen Frauen zu unterstellen, dass sie
nicht unter der Gewalt leiden und ihr nicht unbedingt entkommen wollen. Es
bedeutet vielmehr, dass auch noch andere Einflussfaktoren eine solche Ent-
scheidung mitbestimmen. Denn die Freiheit der Frau bemisst sich nicht allein
an ihrer Freiheit, eine Entscheidung treffen zu können, sondern auch daran,
welche Konsequenzen diese haben und wie weit sie diese selbst mitbestim-
men kann.
Das gilt z.B. auch für die Kleiderordnung, die in der Debatte um Freiheit
und Unterdrückung von Frauen derzeit eine so große Rolle spielt. Die Freiheit
der westlichen Frauen wird vielfach darin gesehen, dass sie im Gegensatz zu
den Muslimas in der Wahl ihrer Kleidung völlig frei seien. Christina von
Braun und Bettina Mathes zeigen in ihrer Publikation zur »Verschleierte[n]
Wirklichkeit« (2007) jedoch, dass etwa die Erfindung des Bikinis weniger der
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik