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FEMINISMUS UND KULTURELLE DOMINANZ
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Befreiung der Frauen als vielmehr der des männlichen voyeuristischen Blicks
diente. Denn die hier zur Schau gestellte Nacktheit erforderte von den Frauen
neue Mühen und Zurichtungen: Der Körper darf nicht zu dick und oder zu
dünn sein, nicht zu alt oder zu schlaff. Er bedarf der sorgfältigen Pflege, wie
andere Kleidungsstücke auch: »Bevor der Westen der Frau erlaubte, sich zu
entblößten, musste sie lernen, ihre Blöße wie ein Kleid zu tragen« (Braun/
Mathes 2007: 154). Solche Zurichtungen des Körpers bis hin zur plastischen
Chirurgie markieren einen Prozess der Unterwerfung unter Schönheits-
normen, die sehr viel mehr mit neuen Selbstzwängen als mit Befreiung zu tun
zu haben scheinen.
Interessant ist in dem Zusammenhang, dass die westliche Kleidung auch
für die türkischen Frauen keineswegs per se eine Befreiung bedeutete, als sie
zu Beginn des letzten Jahrhunderts von Mustafa Kemal Atatürk per Dekret
durchgesetzt wurde. Damals wurden im Prozess der Modernisierung der Tür-
kei nicht nur Schrift und Sprache, sondern auch Kleidung und Alltags-
verhalten von einem Tag auf den anderen an westliche Standards angepasst.
Diese Veränderungen drangen bis in die Körperlichkeit: Wurde Schönheit im
Orient jahrhundertelang mit weißer Haut, runden Formen, langsamen Bewe-
gungen und langem Haar verknüpft, so trat nun an diese Stelle das europä-
ische Schönheitsideal der schlanken, energischen, Korsett tragenden Frau mit
kurz geschnittenen Haaren (Göle 1995: 83). Diese aktive, städtische, mit
Männern verkehrende berufstätige Frau mit ihrem aufrechten, dynamischen
Körper, an dem täglich gearbeitet wird, wurde zu einem Symbol für die Mo-
derne und für die Zugehörigkeit zur Elite (ebd.: 165). Dieser Frauentyp nahm
nun in der Gesellschaft eine besondere Stellung ein. Ihr wurde dabei aber, wie
Nilüfer Göle resümiert,
»so sehr ihre Geschlechtlichkeit abgesprochen, dass ihr beinahe eine männliche
Identität aufoktroyiert wurde. Anders ausgedrückt hat die kemalistische Frau zwar den
Gesichtsschleier und den Umhang (Tschador, türkisch çarsaf) abgelegt, dafür aber ihre
Geschlechtlichkeit ›verhüllt‹, in der Öffentlichkeit sich selbst eingepanzert, sich ›un-
berührbar‹, ›unerreichbar‹ gemacht« (ebd.: 99).
Der Begriff von ›Freiheit‹ kann also nicht alleine auf das Faktum der Wahl-
freiheit reduziert werden, sondern muss auch die Folgelasten wie auch ihre
Relativierung durch Selbstzwänge mit berücksichtigen.
Ebenso wie der Freiheitsbegriff in seiner Widersprüchlichkeit betrachtet
werden muss, gilt dies für den Begriff der ›Tradition‹. In unserem Zusam-
menhang fragt sich, ob deren Symbole wie das Kopftuch in ihrer Bedeutung
als ein traditionelles ein für allemal festgeschrieben sind oder in wieweit die
Bedeutung auch von ihren Trägerinnen selbst bestimmt werden kann.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik