Seite - 404 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Bild der Seite - 404 -
Text der Seite - 404 -
BIRGIT ROMMELSPACHER
404
Tradition und Selbstbestimmung
Das Kopftuch hat in unterschiedlichen Kontexten eine unterschiedliche Be-
deutung. So bedeutet es heute in Iran sicherlich etwas anderes, als für junge
Muslimas in Deutschland. Deren Beispiel zeigt zugleich, dass die Bedeutung
eines solch traditionellen Symbols durch neue Praxen durchaus auch
verändert werden kann. Für viele von ihnen hat die Religion und damit auch
das Kopftuch eine andere Bedeutung als für ihre Vorfahren. Ja, sie versuchen
sich vielfach gerade durch die Religion von ihren Eltern abzugrenzen und
einen individuellen Standort zwischen deren Tradition und der Kultur der
Aufnahmegesellschaft zu finden, indem sie einen eigenständigen Bezug zu
weltanschaulichen und religiösen Fragen suchen (Karakasoglu-Aydin 1998;
Nökel 1999a und b; Klinkhammer 1999). Diese so genannten ›Neo-Musli-
mas‹ setzen sich meist sehr gründlich mit dem Islam auseinander und ent-
wickeln Strategien der Selbstrepräsentation sowie hohen beruflichen Ehrgeiz
und Leistungsbereitschaft (Nökel 1999a: 200).4 Mit dem Kopftuch machen
die »Töchter der Gastarbeiter« (Nökel 2002) ihre Zugehörigkeit zu einer Min-
derheit öffentlich. Sie machen ihre Differenz freiwillig sichtbar und wandeln
so das Stigma in ein Symbol selbstbewusster Identität um (siehe auch Mon-
jezi Brown in diesem Band).
Sie nehmen also dieses Symbol aktiv in Besitz und verändern seine Be-
deutung. Das gilt auch für viele junge Frauen in der Türkei, die sich für das
Kopftuch entscheiden, wie Göle beobachtet hat. Mit dem Bezug auf dies
Symbol versuchen sie die traditionelle zur modernen Lebensweise hin zu
durchschreiten (Göle 1995: 13). Sie erobern den öffentlichen Raum und die
politische Arena. Dabei bringt ihre neue Mobilität das bisherige Geschlechter-
arrangement ins Wanken. Diese Frauen verlassen den vorgegebenen Rahmen
und versuchen gleichzeitig, sich in der Gemeinschaft rückzuversichern. Die
Gefahr einer solchen Strategie ist allerdings die, von der Gemeinschaft wieder
vereinnahmt und als Frau zurückgesetzt zu werden. Insofern ist die Indienst-
nahme der Tradition für diese Frauen ein höchst riskantes Unterfangen.
Das zeigt sich in eklatanter Weise in Iran, wo während der iranischen
Revolution der Tschador zum Markenzeichen der rebellierenden Frauen
geworden war. Sie nutzten dieses Symbol von Weiblichkeit, um sich in der
Öffentlichkeit deutlich zu zeigen. Das wiederum nutzte später das politische
Regime, um den Frauen die Verhüllung aufzuzwingen. D.h. die Indienstnah-
4 Die Reaktivierung kultureller Traditionsbestände im Interesse eines eigenstän-
digen kulturellen Selbstausdrucks finden wir im Übrigen heutzutage vermehrt
auch bei anderen Religionen und Kulturen wie etwa bei Juden und Jüdinnen
oder bei Menschen mit Vorfahren aus afrikanischen Ländern, aber auch bei Mit-
gliedern der Mehrheitsgesellschaft, wenn wir etwa an die Reaktivierung von re-
gionalen Dialekten und Traditionen denken.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik