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FEMINISMUS UND KULTURELLE DOMINANZ
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melsmacht‹ zu sein, die irdische Bewertungsmaßstäbe durchaus ins Kalkül
zieht. Diese werden im Fall der arrangierten Ehe jedoch offen angesprochen
und ausgehandelt.
Das heißt, dass Begriffe wie ›Autonomie‹, ›Freiheit‹ und ›Emanzipation‹
auch kontextgebunden sind. Sie gewinnen ihre Bedeutungen vor dem Hinter-
grund bestimmter Lebensverhältnisse und kultureller Traditionen, die nicht
ohne Weiteres auf andere Lebenssituationen übertragbar sind; zumindest ist
jeweils zu fragen, welchen Sinn bestimmte Normen in einem jeweiligen Kon-
text haben könnten. Umso wichtiger ist es, die jeweils Betroffenen selbst zu
Wort kommen zu lassen.
Islamische Feministinnen
Die Vorstellung, es gäbe die muslimische Stimme in Bezug auf das Ge-
schlechterverhältnis, ist ebenso abwegig wie die, dass es den Islam gibt. So
werden in dem bereits erwähnten Sammelband zur »Politik ums Kopftuch«
(Haug/Reimer 2005) sehr unterschiedliche Positionen von den verschiedenen
Muslimas vertreten (siehe auch Monjezi Brown und Spielhaus in diesem
Band). Das ist auch nicht verwunderlich, denn bei ihnen sind ebenso wie bei
allen anderen Religionen viele, die sich säkular verstehen, solche die eher
konventionell religiös sind, wieder andere, die intensiv gläubig sind oder auch
solche, die sich über die Religion politisch radikalisieren. Ebenso ist es nicht
unerheblich, auf welche politischen und ethnischen Kontexte sie sich be-
ziehen. So gibt es viele Iranerinnen, die sich vehement gegen das Kopftuch
aussprechen, da sie dies mit dem totalitären Regime in ihrer Heimat und mit
furchtbaren Erfahrungen von Verfolgung und Unterdrückung verbinden. An-
dere wiederum sind von den Auseinandersetzungen in der Türkei zwischen
Laizismus und Islamismus geprägt. Schließlich ist die Vielzahl der unter-
schiedlichen Meinungen auch Ausdruck der ständigen Umarbeitung von Po-
sitionen und Lebensverhältnissen, wie wir dies oben am Beispiel der ›Neo-
Muslimas‹ sahen. Mit dem Kopftuch machen sie ihre Zugehörigkeit zu einer
Minderheit öffentlich und wenden sich gegen die Entwertung des Islams als
eine ›Gastarbeiterreligion‹, deren markantester Ausdruck die ›Hinterhof-Mo-
schee‹ ist. Religion hat also in dem Zusammenhang auch die Funktion, einen
Ort jenseits der totalitären Logik des Entweder-hier-oder-dort zu suchen. Da-
mit stellen sie sich auch in die Tradition islamischer Feministinnen, die welt-
weit zunehmend Gehör finden.
Islamische Feministinnen wie etwa Leila Ahmed (1992) sehen die Be-
deutung des Islam vor allem in seinem ethischen Egalitarismus, der Frauen
und Männer dieselbe Würde zuerkennt. Sie sind zwar verschieden aber
gleichwertig. Dementsprechend gibt es klare Rollenabsprachen, die den
Frauen und Männern gleichermaßen Rechte und Pflichten auferlegen – auch
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik