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BIRGIT ROMMELSPACHER
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wenn diese unterschiedlich sind. Das Prinzip der Geschlechtertrennung und
der Grundsatz der Verschiedenheit müssen ihrer Meinung nach nicht re-
pressiv sein, wenn die Aufgabenteilung ausgeglichen ist. Für solche reform-
orientierte Feministinnen, für die auch Fatima Mernissi (1989 und1992) ein
prominentes Beispiel ist, wurde der Koran auf Grund der über Jahrhunderte
vorherrschenden patriarchalen Machtverhältnisse einseitig übersetzt und in-
terpretiert. Deshalb gelte es ihn heute neu zu lesen. Demgegenüber gehen ra-
dikale Feministinnen davon aus, dass der Koran selbst das Primat des Mannes
festschreibe und es deshalb auch nicht genüge, ihn neu zu interpretieren, son-
dern dass er in Teilen auch neu formuliert werden muss.
Dem stehen wiederum islamistische Feministinnen gegenüber, für die der
Koran wesentlich auf die Gleichstellung der Geschlechter ausgerichtet ist. Sie
sehen in den herkömmlichen Auslegungen die Frauenrechte hinreichend be-
rücksichtigt. In ihrem Dogmatismus sind sie dem orthodoxen Feminismus
westlicher Provenienz oft nicht unähnlich. Sie sehen wie dieser ausschließlich
die Probleme bei den anderen: So sind diese Islamistinnen davon überzeugt,
dass die Unterdrückung der Frauen im Wesentlichen ein Resultat des Kapi-
talismus und westlicher Ideologie sei. Die Frauen würden hier ausgebeutet
und versklavt, zum Sexobjekt degradiert und der öffentlichen Belästigung
preisgegeben. Die Zwänge der Konsumindustrie machten die Frauen zu ihrem
wehrlosen Objekt. Zudem habe die ›Frauenemanzipation‹ ihnen nur Mehrbe-
lastung eingebracht, die jede Form der Selbstbestimmung unterlaufe (Mog-
hissi 1999). Das Kopftuch wird von ihnen als ein Medium der Emanzipation
im Sinne der Bewahrung der Würde der Frau verstanden. Für sie ist der Islam
die Lösung, da ihrer Auffassung nach im Koran die Frau dem Mann gleich-
gestellt ist. Wie im orthodoxen Feminismus spielen für sie selbstkritische
Überlegungen so gut wie keine Rolle.
Über diese verschiedenen Strömungen hinweg konstatiert Göle (1995),
dass ein wesentlicher Unterschied zwischen westlich und muslimisch gepräg-
ten Emanzipationsvorstellungen der ist, dass im Fall der Muslimas diese sich
auf die Tradition der Geschlechtersegregation beziehen und sie in ihrem Sinn
weiterentwickeln. Die Differenz soll aufrechterhalten und zugleich Gleichheit
hergestellt werden.
Fazit
Wenn der eigene Weg als universal gültig behauptet wird, wird jede abwie-
chende oder gar alternative Strategie als Provokation empfunden – insbeson-
dere auch dann, wenn sie an eigene Konflikte und Ambivalenzen rührt. Das
gilt in Bezug auf das Geschlechterverhältnis für die komplexe Thematik von
Gleichheit und Differenz ebenso wie für die Frage, was Freiheit und Selbst-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik