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INTERESSEN VERTRETEN MIT VEREINTER STIMME
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den Hintergrund drängenden muslimischen Selbstverständnisses, mit der
Entfaltung von Identitätspolitiken und nicht zuletzt mit der Vergemeinschaf-
tung sowie dem Entstehen einer Vertretungsstruktur islamischer Verbände in
Deutschland.
Damit war die ›Kopftuchdebatte‹ ein konstituierendes Moment für den
Einigungsprozess islamischer Verbände. Nichtmuslimische Debattenbeiträge
wiesen eine Generalisierung einer Identitätszuschreibung auf, die eine – bis-
her nicht vorhandene – Einheit von Muslimen und Musliminnen unterstellte
(vgl. Tezcan 2007: 69). So lässt sich anhand der Beiträge von muslimischen
Akteurinnen und Akteuren erkennen, dass die derzeit entstehende islamische
Gemeinschaft in Deutschland weit gehend auf dem Erkennen einer Not-
wendigkeit basiert, gemeinsame Interessen mit vereinter Stimme zu vertreten,
und eben nicht auf einer kollektiven Religionspraxis. Die Debatte um das
Kopftuch von Lehrerinnen, welche ebenso wie die Diskussionen um Mo-
scheebau, Religionsunterricht und Terrorismus phasenweise Züge eines pau-
schalisierenden Ausgrenzungsdiskurses annahm, hatte sowohl eine ver-
einigende als auch eine polarisierende Wirkung im muslimischen Feld. So
lässt sich hier die Ausdifferenzierung in diejenigen, die eine religiöse Identi-
fikation als Grundlage für die Mobilisierung nutzen auf der einen und denen,
die in derartigen Identitätspolitiken eine Gefahr für die säkulare Gesellschaft
sehen, auf der anderen Seite nachvollziehen (Yurdakul 2006).
Ferner führte die Debatte zu einer verstärkten Partizipation von Muslimin-
nen (!) und Muslimen im gesellschaftspolitischen Diskurs (Amir-Moazami/
Salvatore 2002: 318 ff). Sie bot Anlass und Zugänge zu zivilgesellschaft-
lichen und medialen Diskursbereichen. Der Islam und die Identifikation mit
diesem wurden damit zur Ressource für politisches Engagement Zugewan-
derter und ihrer Nachkommen (McLaughlin 2005). Darüber hinaus entfaltete
die mit dem ›Kopftuchstreit‹ begonnene Diskussion um die Lebenssituation
muslimischer Frauen einen erheblichen Einfluss auf Positionen und En-
gagement von Musliminnen in islamischen Gemeinden und Verbänden, die
am Schluss des Artikels in den Blick genommen werden.
Entstehung öffentlicher
euro-islamischer Diskursräume
Obwohl nach der Ost-West-Blockbildung und dem Mauerbau erstmals Mus-
lime und Musliminnen in größerer Anzahl nach Westeuropa gekommen sind,
wird die Religion der muslimischen Einwanderer gerade im Jahr 1989 in
Frankreich und Großbritannien mit der ›affaire du foulard‹ und der Debatte
um Salman Rushdies ›Satanische Verse‹ zum Gegenstand der öffentlichen
Aufmerksamkeit (Nielsen 1992; Nonnemann et al. 1996; Salvatore 2005;
Tiesler 2006; Amir-Moazzami 2007; siehe auch Fehr und Sintomer in diesem
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik