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INTERESSEN VERTRETEN MIT VEREINTER STIMME
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vor dem Urteil des BVerfG entstandene qualitative Untersuchungen, die junge
muslimische Frauen, ihre persönlichen Lebenseinstellungen und Religions-
auffassungen ausführlich analysieren und typologisieren (Klinkhammer 2000;
Karakaşoğlu-Aydin 2000; Nökel 2002). Sie können zu einem gewissen Grade
Aufschluss geben über die viel diskutierten Beweggründe Kopftuch zu tragen
(siehe auch Monjezi Brown in diesem Band), beziehen sich jedoch auf den
persönlichen Bereich des Rationalisierens von Alltagshandlungen und Reli-
gionsausübung.
Die Diskursanalyse der ›Kopftuchdebatte‹ von Schirin Amir-Moazami fo-
kussiert vornehmlich dominante Stimmen aus dem nicht-muslimischen Milieu
politischer Entscheidungsträger und -trägerinnen und veranschaulicht damit
deren Charakter als ›Selbstverständnisdebatte‹ der europäischen Moderne.
Dagegen setzt sie die Selbstbeschreibungen junger Kopftuch tragender Frauen
in Deutschland und Frankreich (Amir-Moazami 2007). Gökce Yurdakul legte
mit ihrer Deskription von Äußerungen türkischer Akteurinnen und Akteure in
der ›Kopftuchdebatte‹ eine der wenigen auf Deutschland bezogenen Analysen
vor, die öffentliche Statements der Anderen einbezieht (Yurdakul 2006).3
Die aufgeladenen Debatten um die Präsenz und Sichtbarkeit von Mus-
liminnen und um Maßnahmen zur Normierung von Sexualität bereiten, wie
Ruth Mas im Fall der französischen Debatte veranschaulicht, eine Grundlage
für die Vergemeinschaftung. In Form von drei Petitionen gegen die Gesetzge-
bung von 2004 brachte die französische ›Kopftuchdebatte‹ gemeinschaftliche
Meinungsäußerungen von Musliminnen und Muslimen hervor, die sich als sä-
kular definieren: »a secular Islamic subjectivity is crafted« (Mas 2006: 588;
siehe auch Sintomer in diesem Band). Triebkraft für diese Gemeinschafts-
bildung ist die Oppositionshaltung der Akteure und Akteurinnen zu einem
Prozess, den sie als Fortführung eines kolonialen Zivilisierungsprojekts kriti-
sieren.
Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland scheint die ›Kopftuchde-
batte‹ als eines der diskursiven Ereignisse zu wirken, die Musliminnen und
Muslime die Entscheidung zwischen muslimischer Gemeinschaft und franzö-
sischer bzw. deutscher Gesellschaft und damit das Bekenntnis zu einer von
scheinbar nur zwei möglichen Identitäten abringt. Die Unterzeichnerinnen
und Unterzeichner der drei von Mas aufgeführten Petitionen verdeutlichen
dieses Dilemma. Sie versuchen einen Mittelweg, der gleichzeitig Kritik an is-
lamischen Gemeinschaften und französischer Hegemonie sowie die Verei-
nigung von muslimischer und französischer Identität ermöglicht. Es scheint
der Zwang zur Positionierung zu sein, der neue Vergemeinschaftungsprozesse
anregt. Während Mas die Zusammenschlüsse und Narrative säkularer Grup-
3 Neben der Analyse von Yurdakul (2006) findet sich eine Zusammenstellung von
Beiträgen zur Kopftuchdebatte unter Einbeziehung von Statements islamischer
Verbände bei Frigga Haug und Kathrin Reimer (2005).
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik