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INTERESSEN VERTRETEN MIT VEREINTER STIMME
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mischen Vereinen und Verbänden.5 Zum ersten Mal einigten sich hier isla-
mische Vereine auf eine gemeinsame öffentliche Stellungnahme im Nachgang
der Entscheidung des BVerfG im ›Fall Ludin‹. Obwohl alle diese Organi-
sationen auch weibliche Mitglieder haben, sind die öffentlich sichtbaren Ver-
treter zumeist männlich – ein Fakt, der nur langsam durch in Entscheidungs-
und Repräsentationspositionen drängende Frauen herausgefordert wird.
Eine hilfreiche Grundlage für die Darstellung der Entwicklungen bildet
Werner Schiffauers Abriss der Geschichte des islamischen Diskursfeldes in
Deutschland in drei Phasen. Die Jahre 1970-1985 waren mit der Ankunft
muslimischer Gastarbeiter/innen und deren Familien geprägt durch die Eta-
blierung muslimischer Räume und Vereine in Deutschland. Religiöse Orga-
nisationen aus den Herkunftsländern, insbesondere der Türkei und Marokko,
bauten in dieser ersten Phase Satellitenorganisationen für die Arbeitsmigran-
tinnen und -migranten auf. Ab Mitte der 1980er setzten in der zweiten Phase
die Konsolidierung der Moscheelandschaft und die Bildung von Dachver-
bänden ein. Die zentralen Auseinandersetzungen in den vorwiegend türkisch-
sprachigen Gemeinden kreisten um Fragen der Politik in der Türkei. Die 1995
einsetzende dritte Phase bezeichnet Schiffauer als ›Etablierung eines Deutsch-
landbasierten Diaspora-Islams‹, der sich zunehmend den Problemen von Mus-
limen in Deutschland widmet und seine Positionen in Auseinandersetzung mit
der deutschen Öffentlichkeit entwickelt (Schiffauer 2003: 147). Islamische
Dach- und Spitzenverbände fordern spätestens seitdem die Anerkennung als
Religionsgemeinschaften und als Vertreter von Musliminnen und Muslimen
in Deutschland.
Dieser Beschreibung ist hinzuzufügen, dass der Prozess der Neugründun-
gen auf der Ebene der Moscheegemeinden insbesondere auf Grund des Zu-
zugs von weiteren Musliminnen und Muslimen aus verschiedenen Herkunfts-
ländern bis heute nicht abgeschlossen ist. So gründeten sich in deutschen
Großstädten in den 1990ern und dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts
bosnische, arabische und indonesische Moscheevereine, Gemeinden also von
ethnischen und sprachlichen Minderheiten, die nicht im Zusammenhang von
Gastarbeiterverträgen, sondern auf der Suche nach politischem Asyl, als
Kriegsflüchtlinge oder Studierende nach Deutschland gekommen waren. Die-
se Ausdifferenzierung auf der Gemeindeebene läuft parallel zum Prozess des
Zusammenschlusses auf der Ebene der Interessenvertretung gegenüber Me-
dienöffentlichkeit und Politik. Religionspraxis findet auf der Basis der Ge-
meinden getrennt in Subidentitäten statt, wogegen deren Repräsentation
5 Presseerklärung »Kopftuch nur aus freiem Willen – Verbot der Unterdrückung«,
unterzeichnet von 64 islamischen Vereinen und Verbänden, April 2004; abruf-
bar bspw. auf der Seite der ›Islamischen Föderation in Berlin‹ (IFB): http://if-
berlin.de/index.php?option=com_content&task=view&id=17&Itemid=32,
03.02.2009.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik