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RIEM SPIELHAUS
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entlang übergeordneter und zudem vorwiegend entlang von außen zuge-
schriebener Zugehörigkeiten verhandelt wird. Religiöse, ethnische, politische
und viele andere Unterschiede treten hierbei zurück hinter die Erfahrung auf
Grund der Herkunft aus einem mehrheitlich muslimischen Land als zusam-
mengehörig wahrgenommen zu werden. Ein Effekt dieser Zuschreibung ist
das Entstehen eines muslimischen Bewusstseins und einer muslimischen Ge-
meinschaft in Deutschland (Spielhaus 2006a).
Insbesondere die Herausbildung eines in Deutschland verankerten Islams
mit durch Politik und Öffentlichkeit anerkannten Institutionen war zunächst
von heftigen Konflikten gekennzeichnet, so dass ein Einigungsprozess, wie er
derzeit zu beobachten ist, trotz erheblicher Bemühungen einer Reihe von Ak-
teuren und mehreren Anläufen zum Zusammenschluss über lange Zeit kaum
möglich schien. Islamische Akteure sprachen einander den Vertretungsan-
spruch ab und zeigten sich nicht gewillt, andere um Anerkennung buhlende
Organisationen als gleichberechtigt anzuerkennen oder auch nur als Ge-
sprächspartner zu dulden. Deshalb ist die 2004 von zahlreichen Vereinen und
Verbänden unterzeichnete Presseerklärung zur Kopftuchfrage ein bemerkens-
wertes Dokument.6
Das gemeinsame Interesse hat konkurrierende Vereine dazu gebracht, in
bis dahin nicht da gewesener Weise eine gemeinsame Initiative zu ergreifen
und mit einer Stimme zu sprechen. Wenn auch nicht in natürlicher Folge, so
war dies doch sicherlich ein Vorläufer der drei Jahre später folgenden ge-
meinsamen Veranstaltung der vier muslimischen Dach- und Spitzenverbände
›Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion‹ (DITIB7), ›Islamrat für
die Bundesrepublik Deutschland‹ (Islamrat), ›Verband der islamischen Kul-
turzentren e.V.‹ (VIKZ) und ›Zentralrat der Muslime in Deutschland‹ (ZMD)
zum Geburtstag des Propheten Muhammad als positive Antwort auf den
Karikaturenstreit im Vorjahr. Auf dieser Veranstaltung wurde schließlich die
Gründung des ›Koordinationsrates der Muslime‹ (KRM) vereinbart, mit dem
Ziel der Etablierung einer einheitlichen Organisation als Vertretung isla-
mischer Vereine und Ansprechpartner für die Politik von der Kommunal-
über die Länder- bis zur Bundesebene.
6 Presseerklärung »Kopftuch nur aus freiem Willen – Verbot der Unterdrückung«,
a.a.O.
7 Die Abkürzung ergibt sich aus dem türkischen Namen ›Diyanet İşleri Türk İs-
lam Birliği‹.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik