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RIEM SPIELHAUS
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deutsches Kopftuchverbot«15 verweisen sie mit dem Kommentar, dass Unter-
stützung manchmal von unerwarteter Seite komme. Auf der Internetseite be-
schreiben die teilweise seit Jahrzehnten als Lehrerinnen im Schuldienst ste-
henden Musliminnen ihre persönliche Wahrnehmung der Entwicklungen in
Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit dem größten Anteil muslimischer
Bevölkerung. Die Wahl vor die sie gestellt werden, das Kopftuch auszuziehen
oder zu Hause zu bleiben, stellen sie als wenig befriedigend dar. Die Grün-
dung von Privatschulen stelle eine dritte Möglichkeit und bessere Wahl dar.
Diese Alternative bedeutet letztlich, dass islamische Gemeinschaften ein
wachsender Bezugspunkt für Kopftuch tragende Frauen werden und damit
auch eine zunehmende Abhängigkeit der Frauen von diesen Gemeinschaften
entsteht.
Die Äußerungen des Zusammenschlusses muslimischer Lehrkräfte und
die darin geübte Kritik an der neuen Gesetzgebung weisen die Entscheidung
zwischen Assimilation oder der Rolle der passiven Hausfrau zurück und for-
dern gesellschaftliche Partizipation bei Sichtbarkeit ihrer religiösen Praxis.
Ähnlich beschrieb Sigrid Nökel das Integrationsverständnis junger Kopftuch-
trägerinnen der zweiten Generation, »die den Islam in einer modernen Va-
riante für sich als progressive Kraft entdeckt haben, die überzeugte Kopftuch-
trägerinnen sind, aber zugleich berufliche Karrieren verfolgen« (Nökel 2004:
285). Sie verstehen Integration dann als gelungen, wenn ihr Anderssein re-
spektiert wird und sie dabei Chancengleichheit erhalten. So fordern musli-
mische Frauen gleichermaßen dominante Weiblichkeits- und Rollenkonzepte
der hiesigen Gesellschaft wie die islamischer Bewegungen heraus (Amir-
Moazami/Salvatore 2002: 322).
Präsenz von Kopftuchträgerinnen in der Debatte
Zahlreiche Debattenbeiträge stellten eine Verknüpfung der Kopftuchthematik
mit dem Thema ›Unterdrückung der Frau durch patriarchale Gewalt‹ her und
konstruierten so das Kopftuch als Symbol für misogyne Praktiken.16 Diese
diskursiv hergestellte Symbolik ermöglicht es, das Tragen eines Kopftuchs als
Instrument der Unterdrückung und zugleich – insbesondere wenn ohne Zwang
15 Netzeitung.de v. 24.09.2006; abrufbar: http://www.netzeitung.de/ausland/440
617.html, 24.02.2009.
16 Ausführlich betrachtet Antonella Giannone diesen Konstruktionsprozess, in dem
ausschließlich negative Assoziationen mit Islam und islamischer Welt mit die-
sem Zeichen verknüpft werden: »Das Kopftuch wird kontextunabhängig und oh-
ne Berücksichtigung der individuellen oder gruppenspezifischen Gründe seines
Tragens als Zeichen des ›bösen‹ Islams konstruiert und mit festen Bedeutungen
verknüpft, die in den verschiedenen Diskursen dann jeweils verschieden akzen-
tuiert werden« (Giannone 2005: 258); siehe auch Barskanmaz und Rommels-
pacher in diesem Band.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik