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INTERESSEN VERTRETEN MIT VEREINTER STIMME
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getragen – als Einverständniserklärung mit unterdrückenden Praktiken zu
werten.
Die dominanten Klischeebilder weisen somit Kopftuch tragenden Mus-
liminnen die Rollen von Opfern oder Täterinnen von Unterdrückung zu; und
lassen dabei wenig Raum für die Vorstellung einer selbstbestimmten und
emanzipierten Kopftuchträgerin, die sich frauenfeindlichen und patriarcha-
lischen Praktiken und Lesarten islamischer Quellen entgegenstellt. Das Kopf-
tuch wird damit im öffentlichen Diskurs immer wieder im Kontext von Me-
chanismen der Frauenunterdrückung diskutiert. Jedoch wird Kopftuch tra-
genden Frauen, wenn sie überhaupt in die Diskussion von Lösungsansätzen
einbezogen werden, mit Vorbehalten begegnet. Diese ablehnende Haltung
wurde auch von einigen muslimischen Frauen eingenommen, die durch starke
Beachtung im Diskurs erhebliche Dominanz entfalten konnten (siehe auch
Rommelspacher und Monjezi Brown in diesem Band).
Wie Schirin Amir-Moazami feststellt, wurden Musliminnen und Muslime,
nachdem sie vom Prozess der Wissensproduktion und -zirkulation weit ge-
hend ausgeschlossen waren, zu Agenten/Agentinnen der Diskursbildung über
den Islam in der deutschen Öffentlichkeit (Amir-Moazami 2007: 118 f).
Allerdings hafte dieser Entwicklung ein bitterer Nachgeschmack an:
»Denn im Prinzip setzt der Diskurs dieser Figuren den dominanten Diskurs vor allem
im Hinblick auf seine paternalistischen Züge fort: Nun gibt nicht mehr nur die nicht-
muslimische Öffentlichkeit Muslimen vor, wie eine ›emanzipierte‹, ›moderne‹ Frau
auszusehen habe, sondern Musliminnen selbst übernehmen diese Funktion und ge-
winnen umso mehr Plausibilität, als sie aus der ›Binnenperspektive‹ sprechen. [...] Ihr
Diskurs ist öffentlich so wirksam, weil diese Frauen selbst ›Betroffene‹ sind und es
zugleich geschafft haben, sich aus den ›Fesseln der Tradition‹ zu befreien. Damit
gelten sie als erfolgreiche Beispiele für die vorherrschende Version von Integration«
(ebd.: 119).
Gerade indem einzelne Musliminnen, die kein Kopftuch tragen oder es abge-
legt haben als Repräsentantinnen Anerkennung finden und in der Debatte
Raum erhalten, wird eine recht klare Nachricht ausgesandt: Die Anerkennung
von Emanzipation wird im dominanten Diskurs häufig an die Bedingung
geknüpft, kein Kopftuch zu tragen.17
17 Nur ein Beispiel ist die Einladungspraxis zu repräsentativen Veranstaltungen.
Als Mitglieder des Plenums der vom Bundesinnenminister ins Leben gerufenen
›Deutschen Islamkonferenz‹ (DIK) waren 15 muslimische Vertreterinnen und
Vertreter eingeladen worden. Neben fünf islamischen Dachverbänden wurden
zehn ›nicht-organisierte Muslime‹ eingeladen. Darunter waren vier Frauen, kei-
ne von ihnen trägt Kopftuch. Die islamischen Verbände schickten zunächst aus-
nahmslos die männlichen Verbandsvorsitzenden. Ab dem dritten Plenum der
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik