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INTERESSEN VERTRETEN MIT VEREINTER STIMME
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mischen Vertretern öffentliche Statements abringen, die den Beginn eines
Denkprozesses verkörpern und in internen Diskussionen aufgegriffen werden
können; selbst wenn sie zunächst möglicherweise halbherzig gemeint sein
sollten. Allerdings gelingt das nur, wenn der Diskurs für die Anerkennung
von Veränderungen offen ist, was bisher nur sehr eingeschränkt der Fall war.
Kopftuchträgerinnen, die sich bemühen, innerhalb islamischer Gemeinden
und vor allem unter den muslimischen Männern in Führungspositionen einen
Umdenkprozess bezüglich ›häuslicher Gewalt‹ und der Position von Frauen in
ihren Gemeinschaften anzuregen, geraten bisher nicht selten in eine Sand-
wichposition, in der kaum Partnerschaften oder Allianzen möglich scheinen.
Sowohl in der Gesellschaft, als auch in der eigenen Gemeinschaft wird ihnen
mit Skepsis begegnet und nicht selten die Unterstützung verweigert: von den
einen werden sie als ›Nestbeschmutzerinnen‹, von den anderen als Islamis-
tinnen verdächtigt. Dabei stellen viele muslimische Aktivistinnen in den
Mittelpunkt ihrer Arbeit das Ziel, in beiden für sie wesentlichen Lebens-
bereichen Akzeptanz und Anerkennung zu finden: in der islamischen Ge-
meinschaft und in der deutschen Gesellschaft.19
Sprecherinnen islamischer Fraueninitiativen kritisieren seit längerem die
Viktimisierung muslimischer Frauen, d.h. die Festlegung ihrer Rolle als Opfer
von Unterdrückung und häuslicher Gewalt im öffentlichen Diskurs.20 Sie
wünschen sich eine Diskussion, die nicht auf Stigmatisierung, sondern auf
Wege zu gemeinsamen Lösungen setzt und Unterstützung auch für prakti-
zierende Musliminnen im Kampf gegen häusliche Gewalt und im Beistand für
hilfsbedürftige Familien bietet.
Einer der wichtigsten Kritikpunkte von Aktivistinnen, die innerhalb isla-
mischer Gemeinden Veränderungen anstreben, bezieht sich auf die fehlende
gesellschaftliche Unterstützung für ihren Ansatz und insgesamt hinsichtlich
einer konkreten Hilfe für muslimische Frauen in Not. Die Festschreibung auf
eine Opferrolle in Verknüpfung mit Kleidungsgeboten führt demnach nicht
nur zum Verlust der Selbstbestimmung, sie geht einher mit der Verweigerung
19 Siehe bspw. die Startseite des ZIF, abrufbar: http://www.zif-koeln.de/index2.
html, 28.01.09.
20 Die Viktimisierung von Musliminnen und der damit betriebene Überlegen-
heitsdiskurs haben bereits zahlreiche Autorinnen beschäftigt. In einem Aufsatz
beantwortet Lila Abu-Lughod die Frage danach, ob muslimische Frauen wirk-
lich gerettet werden müssen, damit dass weniger der Versuch einer Rettung von
Musliminnen zur Verbesserung der Situation beitragen würde, als vielmehr eine
Zusammenarbeit mit ihnen unter Anerkennung der Situation als Ergebnis histo-
rischer Prozesse sowie der Anerkennung der eigenen Verantwortung dafür und
für Formen globaler Ungerechtigkeit die zur Lebenssituation muslimischer
Frauen und ihrer Gemeinschaften führten; siehe Abu-Lughod 2002; siehe auch
Barskanmaz in diesem Band.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik