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MUSLIMISCHE FRAUEN UND DAS ›KOPFTUCH‹
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zu neuen Möglichkeiten, wie noch darzulegen sein wird. Hijab tragende
Frauen werden durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft zumeist als Opfer
einer zurückgebliebenen patriarchalischen Ordnung und nicht als selbständig
Agierende und Denkende gesehen (siehe auch Barskanmaz, Rommelspacher
und Spielhaus in diesem Band). So können z. B. Vorstellungen von kulturel-
len Barrieren, die muslimische Frauen angeblich daran hindern, sich in den
Arbeitsmarkt einzugliedern, das Handeln von Lehrerinnen/Lehrern, Ausbil-
derinnen/Ausbildern und Berufsberaterinnen/Berufberatern stark beeinflussen
und zur Stabilisierung der schlechten Situation von Migrantinnen auf dem
Arbeitsmarkt führen (Castro Varela 2003: 19 ff). Das Tragen eines Kopftuchs
wird mit Zwang und Unterdrückung in Verbindung gesetzt, während es für
die jungen Trägerinnen äußeres Zeichen ihrer neu entdeckten muslimischen
Identität darstellt und eine Erweiterung des Aktionsradius bedeutet.14 Viele
von ihnen standen in der Kindheit vor dem Dilemma, die Ansprüche zweier
unterschiedlicher Lebenswelten erfüllen zu müssen: zum einen die islamisch-
traditionellen Normen des Zuhauses, wie sie von den Eltern verstanden und
gelebt wurden, zum anderen die des mehrheitsdeutschen Umfelds außerhalb
des Elternhauses. Dazu kamen weitere Belastungen als ›Kulturdolmetscherin‹
für die Familie.15 Eine Informantin türkischer Herkunft16 drückte den Konflikt
und die für sie angemessene Lösung so aus:
»Ich stellte irgendwann fest: Ich kann keine Deutsche sein, ich bin keine Türkin. Ich
bin aber Muslima«.
Sie bedient sich hier des islamischen Konzepts der Umma,17 um den Konflikt
zwischen den verschiedenen Wertesystemen zu überbrücken.
14 So haben es viele ›sittsam‹ gekleidete junge Frauen aus traditionellen Eltern-
häuser leichter, ihre Wünsche nach einem Studium durchzusetzen, da der Ver-
dacht des sich ›Amüsieren Wollens‹ damit zu entkräften ist.
15 Die Kinder mussten bei Ämtern und Behörden vorsprechen, sich in der Schule
alleine behaupten und trotzdem dem Ideal einer gehorsamen, ›gut erzogenen‹
Tochter entsprechen (z. B. alle traditionellen türkischen Höflichkeitsnormen,
wie Vorlegen und Servieren von Speisen, die korrekte Anrede von Älteren usw.
beherrschen). In diesem Zusammenhang berichtete eine Hijab tragende, tür-
kischstämmige Freundin, dass sie in den 1970ern im Alter von 6 Jahren bereits
alleine zum Kinderarzt ging, da ihre Mutter wegen der Kultur- und Sprachbar-
riere überfordert war und sich zur Begleitung nicht in der Lage sah.
16 32 Jahre alt, Akademikerin, seit dem 15. Lebensjahr ›bedeckt‹. Die Aussage
wurde im Rahmen der Datenerhebung zu einer Übung im Fach Pädagogik der
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg im Jahr 2004 erhoben.
17 ›Umma‹ bzw. ›Ummah‹ (ة أ, arab. Gemeinschaft) bezeichnet die religiöse Ge-
meinschaft aller Muslime/Musliminnen, die idealtypisch unabhängig von Class,
Gender, Race/Ethnicity verstanden wird und für die Gleichwertigkeit aller Gläu-
bigen steht.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik