Seite - 444 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Bild der Seite - 444 -
Text der Seite - 444 -
INDRE MONJEZI BROWN
444
Junge muslimische Frauen, die sich für einen bewusst gelebten Islam ent-
scheiden, machen sich auf den Weg, um ihren Glauben zu erfahren und so
viel wie möglich über ihn zu lernen. Sie beginnen, sich intensiv mit isla-
mischer Literatur auseinanderzusetzen, nehmen Kontakt zu praktizierenden
Musliminnen auf, beginnen, sich an koranische Gebote wie das regelmäßige
Gebet und das Fasten zu halten und passen ihre Kleidung an, was nicht
unbedingt automatisch ›Kopftuch‹ bedeuten muss.18 Aus der Sicht vieler mus-
limischer Frauen besteht die Schwierigkeit in Bezug auf den Hijab nicht in
erster Linie in der Einhaltung der Bekleidungsnormen, sondern vielmehr im
Umgang mit den dem Hijab zugeordneten Verhaltensnormen. Hier bedarf es
individueller Lösungen. Z.B. stellen Vorstellungen von Gendersegregation
und Seklusion Frauen immer wieder vor Herausforderungen, die in Diskus-
sionen miteinander gelöst werden. So ist es schwer möglich, in durchschnitt-
lichen Wohnungen in Deutschland einen separaten Männer- und Frauenbe-
reich bereitzustellen. Dies bedeutet, dass sich die Frauen vorher mit ihren
Ehemännern absprechen, damit diese die Wohnung verlassen haben, wenn sie
Freundinnen empfangen.19 Es ist durchaus üblich, dass auch langjährige
Freundinnen den Ehemann der anderen nicht persönlich kennen und dies auch
nicht als Mangel empfunden wird. Die Vorstellung von zwei nicht mitein-
ander verwandten Familien, die gemeinsam Urlaub in einem Ferienhaus ma-
chen, wird z. B. als nahezu nicht umsetzbar gesehen, da Gendersegregation in
diesem Umfeld schwer zu gewährleisten ist und den Frauen die Möglichkeit
genommen wird, sich ohne Kopftuch im Haus zu bewegen. Ebenfalls oft
diskutiert wird die Frage, in wie weit Gendersegregation am Arbeitsplatz
durchführbar ist. Die zur strengen Seklusion gehörende Norm nicht unbe-
gleiteten Bewegens im öffentlichen Raum wird meiner Beobachtung und
zumeist abgelehnt und mit der Begründung umgangen, dass die jungen Mus-
liminnen einen Grund für das Verlassen des Hauses, z. B. für den Besuch von
Fortbildungen, hätten.20 Ferner verfügen viele Frauen über einen Führerschein
18 Einige Frauen, die sich – zumeist in der Pubertät – für das Tragen des Kopftuchs
entscheiden, legen einen Schwur (wallah = arab. Ich schwöre bei Allah) ab. So
berichtete eine Informantin, dass sie vor Freundinnen schwor, sich an die Regeln
strenger Gendersegregation (z. B. kein Besuch mehr von gemischtgeschlecht-
lichen Hochzeitsgesellschaften) und an die der Seklusion von Frauen zu halten.
19 Teilnehmende Beobachtung im türkisch-muslimischen Milieu in Hamburg 2005
bis dato.
20 Ferner lässt sich beobachten, dass die Frauen bei Veranstaltungen von männli-
chen Verwandten abgeholt werden oder diese sogar vor dem Haus auf sie war-
ten. Dies wird zumeist nicht als Einengung, sondern als Zeichen der Fürsorge
empfunden und ist nicht zuletzt auch eine bequeme Transportmöglichkeit.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik