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MUSLIMISCHE FRAUEN UND DAS ›KOPFTUCH‹
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spräch beginnen, recht groß. Ebenfalls von Bedeutung ist das Ansprechen von
anderen ›bedeckten‹ Frauen als ›Schwester‹. Hier werden die Einheit der Um-
ma und das Gebot der Solidarität unter Musliminnen bzw. Muslimen ein-
gefordert. Der Hijab symbolisiert, wie andere Einheitsbekleidung auch, die
Zugehörigkeit zu einer Gruppe, in diesem Fall die der Umma. Auch wird
durch die Art des Hijabs oft die Ethnizität der Trägerin deutlich. So tragen
z.B. türkischstämmige Frauen in Deutschland ihre Tücher anders gebunden
als arabischstämmige: während erstere zumeist rechteckige mit Mustern be-
vorzugen, die mittels eines nicht sichtbaren Untertuchs oft zu am Hinterkopf
hohen Gebilden ausgeformt werden, bevorzugen arabischstämmige Frauen oft
die Shaila mit sichtbarer Bone, d.h. ein schalartiges Tuch, das so um den Kopf
drapiert wird, dass das Untertuch (Bone) über der Stirn sichtbar ist.30
Wichtig dabei ist zu betonen, dass die Gleichung Kopftuch = strenggläu-
big bzw. kein Kopftuch = nichtgläubig zu kurz gegriffen ist und den vielfäl-
tigen Formen der Glaubensausübung nicht gerecht wird. Für viele junge Mus-
liminnen ist das Tragen des Hijabs durchaus vergleichbar mit einem ›Coming
Out‹, es bedeutet für sie Freiheit, Würde und Identität sowie das nach Außen
Tragen ihrer Überzeugung.
Frauen der ersten ›Gastarbeiter/innen‹-Generation
Neben den ›Neo-Muslimat‹ gibt es in Deutschland weitere ›bedeckte‹ Musli-
minnen. Als wichtige Gruppe seien hier muslimische Frauen genannt, die der
ersten ›Gastarbeiter/innen‹-Generation angehören und die es sich auf Grund
ihres altersbedingten Ausscheidens aus dem Berufslebens und dem Entfallen
der damit für Hijab tragende Frauen oft vorhandenen Repressalien ›erlauben‹
können, Hijab zu tragen. Viele der Frauen haben sich mit der Einwanderung
nach Deutschland an als ›modern‹ geltenden Bekleidungsnormen angepasst,
um nicht aufzufallen. Nach klassischer islamischer Vorstellung gilt das Gebot
die Haare zu bedecken für Frauen im gebärfähigen Alter. Für viele Frauen ist
ihr Hijab im fortgeschrittenen Alter in erster Linie nicht Teil der Befolgung
als göttlich verstandener Normen, sondern Zeichen einer jetzt lebbaren Fröm-
migkeit, die ihnen in jüngeren Jahren nicht möglich war. So bietet das Alter
die Möglichkeit, sich verstärkt mit der Religion zu befassen, islamisches Wis-
sen zu erwerben31 und sich – vom orthodoxen Islam oft abgelehnten – volks-
islamischen Praxen zuzuwenden (Richter 2004).
30 Teilnehmende Beobachtung in muslimischen Milieus Hamburgs mit Ange-
hörigen verschiedener Ethnizität wie z. B. tunesisch, marokkanisch, syrisch, tür-
kisch, iranisch, afghanisch, 2000 bis dato.
31 So lässt sich z. B. in vielen Hamburger Moscheen beobachten, dass am Wo-
chenende viele ältere Frauen speziell auf sie zugeschnittene Lerngruppen be-
suchen und auch oft an Wochentagen die Moschee besuchen, um das Gelernte
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik