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INDRE MONJEZI BROWN
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Mehrheitsgesellschaft eher ablenkt:64 Anstatt sich mit der Frage auseinander-
zusetzen, wie Integration gelingen kann und wie weit sich beide Seiten
inhaltlich aufeinander zu bewegen müssen, wird einseitig die Anpassung der
›bedeckten‹ Musliminnen bis hin zur Assimilation gefordert. Integration gilt
als alleinige Bringschuld der Musliminnen. Die bis jetzt bereits von den Mus-
liminnen geleistete Integrationsarbeit in Form einer persönlichen Eman-
zipation und eines Bildungserfolgs wird nicht gewürdigt und der nächste
Schritt, der erfolgreiche Übergang in die Arbeitswelt, der zu wirtschaftlicher
Unabhängigkeit führt und damit weiter gehende Emanzipation ermöglicht,
bleibt den Frauen in vielen Fällen verwehrt. Auch wird nicht öffentlich dis-
kutiert, dass Ausschlussmechanismen aus der Mehrheitsgesellschaft sich nicht
nur auf den Hijab, sondern auf den Habitus der Migrantinnen allgemein
beziehen. Auch ›offene‹ Frauen, deren Namen und Ethnizität nicht dem mehr-
heitsdeutschen Mainstream entsprechen, werden massiv in allen gesell-
schaftlichen Bereichen diskriminiert. Somit greift die Formel Kopftuch ab =
Integration gelungen in keiner Weise.
Die Bewegung selbst hat Ziele, die über die bloße, von der Mehrheitsge-
sellschaft geforderte Reaktion auf von ihr definierte ›Problemthemen‹65, weit
hinausgehen, z. B. die Bekämpfung der wachsenden Islamophobie in der
Mehrheitsgesellschaft. Insbesondere ›bedeckte‹ Frauen werden zur Projek-
tionsfläche mehrheitsdeutscher Ängste (Schiffer 2006), wobei die mehrheits-
deutsche Frauenbewegung sich oft nicht als solidarisch, sondern im Gegenteil
als kontraproduktiv im Kampf um Gleichberechtigung muslimischer Frauen
erweist (siehe auch Rommelspacher in diesem Band).
Hijab: eine Kontroverse zwischen Islamischem
Feminismus und Feminismus der Dominanzkultur
Die deutsche ›Kopftuchdebatte‹ ist von einer Asymmetrie geprägt: Sie wird
auf feministischer Seite öffentlich nicht von den ›bedeckten‹ Frauen selbst,
64 Dies wurde deutlich in Gesprächen mit Teilnehmerinnen einer internationalen
Konferenz der ›Asma Society‹ im Sommer 2007, welche sich mit der theologi-
schen Grundlage des islamischen Feminismus beschäftigte. Die in Deutschland
geführte Debatte war den Teilnehmerinnen unverständlich, da sie angesichts
weltweiter Menschenrechtsverletzungen bezüglich muslimischer Frauen andere
Themen als wichtiger erachteten.
65 So gehört es zu den unbeliebtesten Aufgaben muslimischer Aktivistinnen, als
›Darbietung‹ an Veranstaltungen wie z. B. dieser teilzunehmen: »Schleierhafter
Islam? – Kleingruppengespräch mit praktizierenden Musliminnnen über Kopf-
tücher, Ehrenmorde, Islamischen Feminismus und anderes mehr«. Friedrich-
Ebert-Stiftung Hamburg, Frühjahr 2008. Derartige Veranstaltungen enden häu-
fig in einem Frage-Antwort-Spiel, in dem von den Frauen die Rechtfertigung für
alle in der islamischen Welt verübten Ungerechtigkeiten und Rechtfertigungen
für ihre Lebensweise verlangt werden.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik