Seite - 457 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Bild der Seite - 457 -
Text der Seite - 457 -
MUSLIMISCHE FRAUEN UND DAS ›KOPFTUCH‹
457
sondern von säkularen Feministinnen geführt. Dies wird als Verletzung emp-
funden, als Anmaßung des Rechts, über die Lebenslagen anderer zu entschei-
den. Hier werden durch Repräsentationsprozesse eindeutig Minorisierte, in
diesem Fall Musliminnen, unsichtbar gemacht und ihre Lebensrealitäten
falsch oder gar nicht dargestellt. Ein wichtiges Instrument der öffentlichen
Meinungsbildung stellt zweifellos die Presse dar, und es lässt sich belegen,
dass das verzerrte Bild von muslimischen Frauen in mehrheitsdeutschen Dis-
kursen auch durch unzureichend recherchierte oder absichtlich tendenziöse
journalistische Erzeugnisse verursacht wird (Schiffer 2005). Diese verzerrte
Darstellung verhindert eine Diskussion auf Augenhöhe, festigt den vermeid-
lichen ›Opferstatus‹ der Akteurinnen und wirkt sich somit negativ auf die
Bemühungen der Musliminnen aus, im Diskurs gehört zu werden. Ein wich-
tiges Instrument hierbei ist das regelmäßige Interviewen bestimmter Aktivi-
stinnen der dominanzkulturellen Frauenbewegung, wie z. B. Alice Schwarzer,
die im Hijab eine »Flagge des Islamismus« (Schwarzer 2006) sieht:
»Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus. Das Kopftuch ist das Zeichen, das die
Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Als Symbol ist es eine
Art ›Branding‹, vergleichbar mit dem Judenstern. Und real sind Kopftuch und Ganz-
körperschleier eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und
die Kommunikation« (ebd.).
Durch die regelmäßige Hervorhebung dieser und ähnlicher Standpunkte in der
Presse verfestigt sich das Bild der unterlegenen Musliminnen und bestätigt
gleichzeitig den überlegenen Status der Feministinnen der Dominanzkultur.
Es ist aus islamisch-feministischer Sicht der Erfahrung nach nicht möglich,
einen direkten Diskurs mit Schwarzer zum Thema Hijab zu beginnen, wie der
Versuch des Frauenausschuss der ›SCHURA – Rat der islamischen Gemein-
schaften in Hamburg e.V.‹66 zeigt. In ihrem im November 2005 vor den Ham-
burger Moscheen an Muslime verteilten Flugblatt »Nein zur Gewalt gegen
Frauen« (2008), in dem Gewalt gegen muslimische Frauen thematisiert wird,
heißt es u. a.:
»Gewalt gegen muslimische Frauen geht nicht nur von muslimischen Männern aus,
sondern von Einzelpersonen, Gruppen, Behörden, von für das Fortbestehen rechtlich
diskriminierender Ungleichheiten politisch Verantwortlichen. Strukturelle, patriar-
chale Gewalt in dieser Gesellschaft betrifft alle Frauen. Mehrfachdiskriminierungen
gehören zu den verschiedenen Gesichtern der Gewalt. Auch rechtliche Vorhaben und
bereits bestehende Umsetzungen, wie die Kopftuchverbote werden von muslimischen
Frauen als Gewalt empfunden […]. Die Thematisierung von Gewalt und damit das
66 Abrufbar: http://www.schura-hamburg.de/, 10.02.2009.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik