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MUSLIMISCHE FRAUEN UND DAS ›KOPFTUCH‹
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»Sich zu verschleiern ist ja auch eine Körpersprache – beziehungsweise eben keine:
Sich nonverbal zu verständigen geht für verschleierte Frauen nicht – denn sie schlie-
ßen sich aus der Öffentlichkeit aus.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?
Kelek: Verhüllte Frauen nehmen nicht mehr an den Errungenschaften der Menschlich-
keit teil […]« (ebd.).
Hier stellt sich aus islamisch-feministischer Sicht die Frage, wer hier für wen
spricht und wer die Definitionsmacht über die »Errungenschaften der
Menschlichkeit« (ebd.) hat.
Durch die eben dargelegte Sichtweise stufen Feministinnen der Domi-
nanzkultur muslimische Frauen zu Objekten der Deutungshoheit herunter.
Dabei sprechen sie den Frauen jedoch das Recht auf Darstellung der eigenen
Person ab, was im Feminismus eigentlich als selbstverständlich erachtet wird.
Eine Diskussion darüber steht zwischen den oben vorgestellten Akteurinnen
und islamischen Feministinnen aber noch weit gehend aus.
Bei der Betrachtung der dominanzfeministischen Diskurse über Musli-
minnen in Deutschland lassen sich verschiedene Gegebenheiten beobachten.
So sind insbesondere bei den Islam ablehnenden Feministinnen die Hijab
tragenden Frauen der zweiten Generation, eben jene Frauen, die als ›Neo-
Muslimat‹ bezeichnet werden, im Fokus. Dabei wird völlig außer Acht ge-
lassen, dass die meisten muslimischen Frauen in Deutschland keinen ›of-
fensichtlichen‹ Hijab bzw. ein Kopftuch tragen.69 Es stehen in erster Linie
türkischstämmige, ›bedeckte‹ Musliminnen im Mittelpunkt des Interesses, die
ethnische und soziokulturelle Diversität muslimischer Frauen in Deutschland
wird nicht wahrgenommen. Auf Grund der den Diskursen innewohnenden
Machtasymmetrien werden ›bedeckte‹ Frauen in dominanzkulturellen Diskur-
sen zu Subalternen im Gramsci’schen Sinne, die keinen oder nur geringen
Zugang zu hegemonialen Teilen der Gesellschaft haben und denen es nur in
geringem Maße möglich ist, sich in öffentlichen, politischen Diskursen Gehör
zu verschaffen, da ihre Äußerungen nicht in den Diskurs aufgenommen bzw.
weitergetragen werden. Hijab tragenden Frauen wird die Integration in den
bundesrepublikanischen Alltag per se abgesprochen. Dass ›bedeckte‹ Frauen
in allen Lebensbereichen weltweit Normalität sind und dass es in anderen
europäischen Ländern ›bedeckte‹ berufstätige Frauen gibt, die sich problem-
los in die Berufswelt einfinden,70 wird in die Debatte nicht mit einbezogen.
69 Es ist noch nicht in die öffentliche Debatte gelangt, dass sich viele muslimische
Frauen ohne Kopftuch an die Vorstellung des Hijabs gebunden fühlen und sich
z. B. nicht mit unbedeckten Armen und Beinen im öffentlichen Raum bewegen
würden.
70 Als Beispiel sei hier Nadia Naeem genannt, die als Police Community Support
Officer für die Thames Valley Police in Oxfordshire, Großbritannien tätig ist;
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik