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INDRE MONJEZI BROWN
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Wenn es dennoch ›bedeckte‹, bildungs-/berufserfolgreiche Frauen in Deutsch-
land gibt, wie z. B. die Rechtanwältin Kadryie Aydin, werden sie als ›Aus-
nahmen‹71 und ›Vorzeigemuslime‹72 abqualifiziert. Gleichzeitig dienen Hijab
tragende Frauen als Projektionsfläche für Ängste mehrheitsdeutscher Frauen:
Es wird auf deren ›Unterdrückung‹ fokussiert, und gleichzeitig die Gender-
ungerechtigkeit in Deutschland73 aus den Augen verloren (siehe auch Rom-
melspacher in diesem Band). Andere in Deutschland lebende Kopftuch
tragende/›bedeckte‹ Frauen, wie z. B. Menonitinnen mit russslanddeutschem
Hintergrund, Frauen aus Westafrika oder Jüdinnen mit Snoot oder Shaitl er-
scheinen nicht in der Diskussion und werden nicht angegriffen. Der Diskurs
selbst ist asymmetrisch: Von muslimischen Aktivistinnen werden in erster Li-
nie Reaktionen auf vordergründig mit dem Islam im Zusammenhang stehen-
den Phänomenen wie ›Ehrenmorde‹ und erzwungene/arrangierte Ehen erwar-
tet, eigene Themen wie z. B. die desolate Arbeitsplatzsituation von ›bedeck-
ten‹ Frauen und die oft schlechten Lebenslagen muslimischer Familien gelan-
gen nicht in die breite Öffentlichkeit.
Es wird die Chance auf einen gemeinsamen Kampf von Feministinnen un-
terschiedlicher Richtung für Geschlechtergerechtigkeit verschenkt, wenn die-
se nicht in einen Diskurs eintreten können, der nicht von Machtasymmetrie
geprägt ist. Gemeinsame Ziele, wie der Abbau von Ungerechtigkeiten in der
Arbeitswelt, wie z. B. der ›Gläsernen Decke‹, und die Entwicklung von Ge-
genstrategien bezüglich männerbündischer Schließungstendenzen in Politik
und Gesellschaft bieten Ansätze zur Entwicklung gemeinsamer Strategien.
Voraussetzung hierfür ist die Offenheit und Bereitschaft zur Diskussion, so-
wie das Interesse am Fremden/Anderen. Des Weiteren sollte bedacht werden,
dass die Bereitschaft, sich zu verbünden und alle vorhandenen Wissens- und
Erfahrungsressourcen zu nutzen, neue Impulse für den Feminismus bringt.
Nur die Interaktion mit anders denkenden Feministinnen führt zu einer Wei-
terentwicklung und zu einem Fortschritt auf dem Weg zur Genderge-
abrufbar: http://www.thamesvalley.police.uk/bcu/Oxfordshire/local-police-area/
north_oxon/bicester-east-index.htm, 28.04.08.
71 So wurde mir bei der Suche nach weiteren Diskussionspartnerinnen für eine
Fragerunde mit ›bedeckten‹ Musliminnen von der türkischstämmigen Veranstal-
terin mitgeteilt, ich solle nicht – wie beim letzten Mal – studierte Frauen mit-
bringen, diese seien doch eher Ausnahmen.
72 Dieser Begriff wurde bspw. in einem Artikel über eine Talkshow, zu der Bun-
desinnenminister Schäuble und zwei Musliminnen geladen waren, auf der Seite
von ›Die Welt Online‹ verwendet; siehe »Warum ist den Deutschen der Islam so
unheimlich«, Die Welt Online v. 13.07.2007; abrufbar: http://www.welt.de/
fernsehen/article1023448/Warum_ist_den_Deutschen_der_Islam_so_unheimlich.
html, 28.04.08.
73 So ist es nur im Bewusstsein weniger Frauen, dass Deutschland mit 20,3 Prozent
einen der größten Gender Pay Gaps in Europa aufweist; abrufbar: http://
www.eurofound.europa.eu/eiro/2006/04/articles/de0604019i.htm; 28.04.08.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik