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BARBARA JOHN
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gesamt 72) ging es nun darum, in der hochkochenden Debatte klar Position zu
beziehen und deutlich zu machen, warum gesetzliche Verbote des Kopftuchs
in Schulen der falsche Weg sind. Wir hatten damit eine für die Bundesrepu-
blik seltene Gelegenheit ergriffen, in aller Öffentlichkeit eine Auseinander-
setzung zu führen über grundlegende Wertefragen wie die Glaubensfreiheit,
das Selbstbestimmungsrecht, einen kulturell-religiösen Pluralismus und die
Gleichbehandlung der Geschlechter. Das Besondere daran war, dass diese
Diskussion konkrete Personen betraf: junge und ältere Frauen, die in der
Regel Einwanderinnen waren. Sie gehörten einer Religion an, die mehrheit-
lich mit Ablehnung, ja mit Verachtung betrachtet wurde, wobei das Tragen
des Kopftuchs nicht nur von zahlreichen Nicht-Muslimen, sondern auch von
vielen türkischen Migranten/Migrantinnen missbilligt wird, welche stark lai-
zistisch geprägt sind und ihre Vorstellungen von der Trennung zwischen Staat
und Religion, wie sie in der Türkei praktiziert wird, auch für Deutschland
empfehlen.
Die öffentliche Debatte:
viele feindselige und eifernde Stimmen
Bei der öffentlichen Debatte fiel mir damals auf, dass die meisten Befürworter
und Befürworterinnen eines Verbots autoritär, herrisch, feindselig und oft
inquisitorisch gegen Frauen argumentierten, die aus religiösen Gründen ihre
Kopfbedeckung tragen wollten. Kopftuchträgerinnen wurden mit dem Vor-
wurf konfrontiert, sie seien willfährige Instrumente von Islamisten, ließen
sich von verfassungsfeindlichen Gruppen unterstützen, wollten vor aller Welt
die Unterordnung unter die Männer demonstrieren und gleichzeitig die Wür-
delosigkeit von Frauen demonstrativ betonen, die kein Kopftuch tragen.
Mich erinnerte die feindselige, ja brutale Art der Argumentation an
Debatten, wie sie von rechtsradikalen Kreisen in den 1980er Jahren über ›die
Ausländer‹, geführt worden waren. Plötzlich tauchten bekannte Einstellungen
wieder auf und richteten sich gegen eine neue Gruppe. Diesmal aber nicht nur
von ganz rechts, sondern auch von links. Ob rechts oder links, es hieß
unisono: Die wollen wir nicht, die passen nicht zu uns. Viele der Kopftuch-
gegner und -gegnerinnen zeichneten sich durch einen geradezu fanatisch
anmutenden Eifer aus. Die einen wetterten gegen alle religiösen Symbole in
der Öffentlichkeit und wünschten sich eine striktere Trennung zwischen Staat
und Kirche bzw. Religion, als das Grundgesetz (GG) es vorgibt. Andere sahen
in der ›Kopftuchdebatte‹ eine lang erwünschte Gelegenheit, kulturelle und
religiöse Unterschiede und Fremdes im Allgemeinen zu verunglimpfen. Ich
konnte auch nicht den Zorn der Frauen teilen, die einer politischen oder
religiösen Kontrolle ihrer Kleidung ausgesetzt waren – meist Zuwanderinnen
oder Flüchtlinge aus Iran oder Afghanistan. Waren nicht gerade sie geeignete
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik