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RÜCKBLICK AUF DIE INITIATIVE »AUFRUF WIDER EINE LEX KOPFTUCH«
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nicht beseitigen wolle, wie es bei ihren besser arrivierten ›Schwestern‹ ver-
mutet wurde, die unbedingt in den Schuldienst wollten.
Und die Musliminnen selbst? Können sie das leisten? Sie haben sich in
der Debatte bisher kaum zu Wort gemeldet. Das hat viele Gründe: Sie sind
kaum organisiert, haben keine Netzwerke geknüpft; diejenigen, die über eine
gute Ausbildung verfügen, halten sich im Hintergrund. Zu oft haben sie die
Erfahrung gemacht, dass ihre sparsamen öffentlichen Einlassungen verzerrt
dargestellt oder gar ins Gegenteil verkehrt werden. Verteidigen sie ihr Kopf-
tuch als religiöses Kleidungsstück, wird ihnen vorgeworfen, dass sie sich im
Koran gar nicht auskennen; schließlich sei dort eine verpflichtende weibliche
Kopfbedeckung gar nicht erwähnt. Erklären Frauen, dass sie sich selbstbe-
stimmt für das Kopftuch entschieden haben, werden sie wieder belehrt: Das
sei Einbildung, sie seien nur ferngesteuerte Marionetten der Islamisten.
Aber es gibt ja noch die 72 namhaften Frauen, die im Dezember 2003 den
»Aufruf wider eine Lex Kopftuch« (Beck et al. 2003) unterzeichnet haben.
Sie wirken mit ihren Argumenten weiter für eine religiös pluralistische Ge-
sellschaft, die auf dem Grundsatz aufbaut: Wage es, frei zu sein und schütze
die Freiheitsrechte der anderen!
Es bleibt auch noch die Hoffnung auf weitere Entscheidungen höherer
Gerichte, die feststellen, dass Art. 4 der Grundrechte unserer Verfassung – die
Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit – auch für Frauen mit Kopf-
tuch gilt. Sie werden dieses Rechts nicht dadurch würdig, dass sie das Kopf-
tuch ablegen. Sie besitzen das Grundrecht bereits; es ist also keine Belohnung
für gelungene Assimilation.
Anhand der ›Kopftuchdiskussion‹ ist mir auch klar geworden, auf welche
Weise sich viele in Deutschland die Integration wünschen: Integriert ist eine
muslimische Frau erst dann, wenn sie kein Kopftuch trägt.
Wer sich diese bornierte Wunschvorstellung auf unterhaltsame Art vor
Augen führen will, der sollte Lessings Einakter »Die Juden« (1968, Orig.
1749) lesen. Übrigens, Lessing hat das Trauerspiel »ein Lustspiel« genannt.
I was not amused reading it!
Literatur
Beck, Marieluise/John, Barbara/Süssmuth, Rita (als Initiatorinnen des
Aufrufs) (2003): »›Religiöse Vielfalt statt Zwangsemanzipation‹! Aufruf
wider eine Lex Kopftuch«, 01.12.2003. Abrufbar: http://www.bpb.de/
themen/XUDYWD,0,0,Religi%F6se_Vielfalt_statt_Zwangsemanzipation!
.html, 10.12.2006.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik