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Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Seite - 474 -
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SABINE BERGHAHN/PETRA ROSTOCK/HALINA BENDKOWSKI 474 hochgekommen. Ich habe mich mein Leben lang mit Gewalt, auch in Berlin, beschäftigt. Es erschien mir nicht ausreichend, die Probleme der Gewalt nur als akademische Soziologin zu analysieren, sondern es war mir wichtig, Debatten über spezifische Formen von Gewalt so zu forcieren, dass es real zu Veränderungen kommt. Ich habe mich früher selbstbewusst eine ›feminis- tische Aktionsforscherin‹ genannt und ich glaube, das war ich auch. Ich woll- te durch Auseinandersetzungen, durch Debatten Veränderungen erreichen. Deswegen bin ich gezielt zu Veranstaltungen, wie Familienkonferenzen und zu psychologischen Tagungen gegangen und habe diejenigen, die dort über die Probleme von Gewalt in den Familien nicht sprachen, mit den Realitäten konfrontiert. Durch die reale Auseinandersetzung um Gewalterklärungen entwickelte sich bei den psychologischen Tagungen die zwar unerwünschte, aber doch überfällige feministische Problematisierung. Das scheint mir deswegen er- wähnenswert, weil die Beschäftigung mit theoretischen Verklärungen oder Verharmlosungen von Gewalt damals auf dem Prüfstand stand. Die Probleme von Mädchen mit so genanntem ›Migrationshintergrund‹ kannte ich nur allzu gut. Als Seyran Ateş 1984 bei TIO angegriffen worden ist und eine andere Frau erschossen worden ist,3 habe ich darüber Bericht erstattet. Damals habe ich für die ›Emma‹ einen Artikel geschrieben.4 Ich fand die Situation damals ungemein schwierig. Die Frauen bei TIO hatten alle unheimlich Angst. Ich war nicht im eigentlichen Sinne eine Journalistin, die schnell die Geschichte der Geschichte zu schreiben wusste. Mir lag es fern, die bei TIO arbeitenden Frauen einer Öffentlichkeit auszusetzen, die zusätzlich gefährlich für sie werden könnte. Und wie die Massenmedien über Mord und Totschlag be- richten, ist ja bekannt. Aber ich war auch empört über die linke türkische Community, die es da- mals in Berlin noch gab – hauptsächlich Männer, die politisch aktiv waren – und wie ignorierend sie mit dieser Attacke umgegangen sind: das TIO sei eben ein Lesbenprojekt. Ich war wirklich zutiefst enttäuscht über diese Art von Behandlung, als ob das nicht zählt, wenn es Lesben wären. Woher ich die Chuzpe hatte, die allzu tolerierte Männergewalt in der türkischen Communitiy zum Thema zu machen, ist mir heute fast nicht mehr nachvollziehbar. Aber ich habe dann damals mit einer sehr engagierten TIO Frau – Liesl Bagana, die sich auch sehr darüber geärgert hatte, wie die linke türkische Community mit dem Vorfall umgegangen war, eine Ausstellung im KATO in Berlin-Kreuz- 3 Zur Finanzierung ihres Jurastudiums arbeitete Seyran Ateş in der Berliner Bera- tungsstelle ›TIO – Treff- und Informationsort für Frauen aus der Türkei‹. Wäh- rend einer Beratung 1984 erschoss ein Mitglied der faschistischen türkischen ›Grauen Wölfe‹ eine Besucherin, Ateş wurde lebensgefährlich verletzt. 4 Bendkowski, Halina (1984): »Dieser Mord ist ein politischer Anschlag«. Emma 11, S. 6.
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Der Stoff, aus dem Konflikte sind Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Titel
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Untertitel
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Autoren
Sabine Berghahn
Petra Rostock
Verlag
transcript Verlag
Datum
2009
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-89942-959-6
Abmessungen
14.7 x 22.4 cm
Seiten
526
Schlagwörter
Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
Kategorie
Recht und Politik
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