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SABINE BERGHAHN/PETRA ROSTOCK/HALINA BENDKOWSKI
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hochgekommen. Ich habe mich mein Leben lang mit Gewalt, auch in Berlin,
beschäftigt. Es erschien mir nicht ausreichend, die Probleme der Gewalt nur
als akademische Soziologin zu analysieren, sondern es war mir wichtig,
Debatten über spezifische Formen von Gewalt so zu forcieren, dass es real zu
Veränderungen kommt. Ich habe mich früher selbstbewusst eine ›feminis-
tische Aktionsforscherin‹ genannt und ich glaube, das war ich auch. Ich woll-
te durch Auseinandersetzungen, durch Debatten Veränderungen erreichen.
Deswegen bin ich gezielt zu Veranstaltungen, wie Familienkonferenzen und
zu psychologischen Tagungen gegangen und habe diejenigen, die dort über
die Probleme von Gewalt in den Familien nicht sprachen, mit den Realitäten
konfrontiert.
Durch die reale Auseinandersetzung um Gewalterklärungen entwickelte
sich bei den psychologischen Tagungen die zwar unerwünschte, aber doch
überfällige feministische Problematisierung. Das scheint mir deswegen er-
wähnenswert, weil die Beschäftigung mit theoretischen Verklärungen oder
Verharmlosungen von Gewalt damals auf dem Prüfstand stand. Die Probleme
von Mädchen mit so genanntem ›Migrationshintergrund‹ kannte ich nur allzu
gut. Als Seyran Ateş 1984 bei TIO angegriffen worden ist und eine andere
Frau erschossen worden ist,3 habe ich darüber Bericht erstattet. Damals habe
ich für die ›Emma‹ einen Artikel geschrieben.4 Ich fand die Situation damals
ungemein schwierig. Die Frauen bei TIO hatten alle unheimlich Angst. Ich
war nicht im eigentlichen Sinne eine Journalistin, die schnell die Geschichte
der Geschichte zu schreiben wusste. Mir lag es fern, die bei TIO arbeitenden
Frauen einer Öffentlichkeit auszusetzen, die zusätzlich gefährlich für sie
werden könnte. Und wie die Massenmedien über Mord und Totschlag be-
richten, ist ja bekannt.
Aber ich war auch empört über die linke türkische Community, die es da-
mals in Berlin noch gab – hauptsächlich Männer, die politisch aktiv waren –
und wie ignorierend sie mit dieser Attacke umgegangen sind: das TIO sei
eben ein Lesbenprojekt. Ich war wirklich zutiefst enttäuscht über diese Art
von Behandlung, als ob das nicht zählt, wenn es Lesben wären. Woher ich die
Chuzpe hatte, die allzu tolerierte Männergewalt in der türkischen Communitiy
zum Thema zu machen, ist mir heute fast nicht mehr nachvollziehbar. Aber
ich habe dann damals mit einer sehr engagierten TIO Frau – Liesl Bagana, die
sich auch sehr darüber geärgert hatte, wie die linke türkische Community mit
dem Vorfall umgegangen war, eine Ausstellung im KATO in Berlin-Kreuz-
3 Zur Finanzierung ihres Jurastudiums arbeitete Seyran Ateş in der Berliner Bera-
tungsstelle ›TIO – Treff- und Informationsort für Frauen aus der Türkei‹. Wäh-
rend einer Beratung 1984 erschoss ein Mitglied der faschistischen türkischen
›Grauen Wölfe‹ eine Besucherin, Ateş wurde lebensgefährlich verletzt.
4 Bendkowski, Halina (1984): »Dieser Mord ist ein politischer Anschlag«. Emma
11, S. 6.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik