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alleine gelassen hat. Wie die katholische Kirche, vor allem auch in Heimen
und Internaten, mit religiösen Zucht- und Identitätsvorstellungen die Mädchen
und Jungen fertig gemacht hat.
Günter Langer, der die ›Becklash‹-Initiative mitgründete, war Lehrer am
›Berlin-Kolleg‹5. Ich kannte ihn und Helke Sander aus meiner Beschäftigung
mit 1968 und den 1968er/inne/n. Deshalb trafen wir uns häufiger. Und Günter
Langer erzählte uns bei diesen Treffen häufig – schon vor der Aktion von
Marieluise Beck und anderen – wie es in den Schulen aussieht, wie kom-
pliziert es in den Schulen ist: Wie hilflos sich die Lehrer/innen den Eltern
gegenüber fühlen, vor allem den Vätern von türkischen Mädchen gegenüber,
wie viele resigniert sind angesichts der Anmaßung vieler Väter von isla-
mischen Mädchen. Und es gibt keine Unterstützung für Lehrer/innen vom
Senat, noch gibt es eine Debatte darüber, dass immer mehr Mädchen ver-
schwinden, nach den Ferien nicht zurückkommen.
Als dann die Aktion von den dreien war, also von Marieluise Beck, die
damals ›Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und
Integration‹ war, von Barbara John, der langjährigen ›Ausländerbeauftragten
des Berliner Senats‹ a.D. und von Rita Süssmuth, der Vorsitzenden des
›Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration‹ und Präsidentin des
Deutschen Bundestags a.D., da dachte ich, das gibt es doch nicht! Ich emp-
fand das als ein Abknicken oder Einknicken oder – soziologisch ausgedrückt
– als Identifikation mit dem Aggressor. Dass sie angesichts der Schwierig-
keiten von Frauen oder jungen Mädchen, die sich eben nicht zur Wehr setzen
können – und es werden ja immer mehr Mädchen, die mit Kopftuch gehen
müssen – solch eine Aktion gemacht haben, anstatt sich, was, wie ich meine,
ihre vornehmliche Aufgabe als Ausländerbeauftragte gewesen wäre, sich für
diejenigen einzusetzen, die sich in schwierigen Lebensumständen befinden,
ist unverzeihlich. Also diejenigen, die das Kopftuch nur als Mode oder als
Kulturverstärkungsmerkmal sehen, die sind nicht das Problem. Aber ich sehe
die Schwierigkeiten derjenigen, die durch ihre Eltern zum Kopftuch
gezwungen und damit in unglaubliche Probleme gedrängt werden. Ich hatte ja
schon vorher einen Internet-Aufruf gestartet, als die ›Kopftuchdebatte‹ etwas
virulenter wurde und das Kopftuch, wie ich meine, verharmlost wurde. Auf
diesen Aufruf kamen schon ganz viele Zustimmungen von Frauen, die ich gar
nicht kannte und eben von sehr vielen türkischen Frauen, die sich von mir
offensichtlich unterstützt sahen.
Als ich dann mit Helke Sander und Günter Langer über die Kopftuch-
aktion von Beck u.a. gesprochen habe, waren sie gleich auf meiner Seite,
besonders Günter Langer auf Grund seiner eigenen Erfahrungen im ›Berlin-
Kolleg‹. Dann haben wir uns überlegt, dass wir eine Initiative starten. Das
5 Abrufbar: http://berlin-kolleg.de, 25.02.2009.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik