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SABINE BERGHAHN/PETRA ROSTOCK/HALINA BENDKOWSKI
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zwungen werden, bin ich in der Schulausbildung für einen repressionsfreien
Raum, repressionsfreien Raum bezogen auf religiöse Zurichtung durch Klei-
dung, aber auch repressionsfrei in dem Sinn, dass die Mädchen sich nicht
halbnackt präsentieren müssen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Deshalb bin
ich heutzutage sogar dafür, dass es so etwas wie Schuluniformen gibt. Das
wäre auch sozial gesehen eine unheimlich Entlastung für diejenigen, die nicht
mithalten können. Das Schuluniformenmodell ist gerade in Ländern ent-
wickelt worden, in denen es große Klassenunterschiede gab. Das habe ich
noch nicht ganz durchdacht, aber ich bin erst einmal für die Gewährleistung
eines repressionsfreien Raums, bis die Mädchen so alt sind, dass sie selbst
entscheiden können, ob sie ein Kopftuch tragen oder sich halbnackt prä-
sentieren wollen, und dass sie eben nicht durch Modelle oder Lehrerinnen in
irgendeine Richtung gezwungen werden. Und nur über diese Mädchen und
jungen Frauen kann ich reden. Über die anderen nicht, auch wenn ich weiß,
dass es die gibt.
Aber ich möchte noch eines korrigieren – den Punkt mit der Ästhetik. Das
ist mir zu entpolitisierend. Wenn ich diese sexistische Inszenierung durch
Kleidung sehe – das ist keine Frage von Ästhetik. Wenn die Männer, ob alt
oder jung, sehr modern gekleidet sind und neben ihnen völlig verschleierte
Frauen, ist das für mich eine blanke sexistische Inszenierung. Das empfinde
ich nicht nur so, das ist es auch. Ich habe einige Kontakte zu den Nachbar/-
inne/n hier und ich weiß, wie die Situation ist: dass die Mädchen gezwungen
werden, lange Haare zu haben und sie sich über mich wundern, weil ich kurze
Haare habe. Was etliche türkische Männer hier über mich denken, will ich gar
nicht von ihren Frauen wissen.
Gerade in einer so unaufgeklärten religiösen Gemeinde und mit
›unaufgeklärt‹ meine ich, dass es nicht viele interne Debatten über das Kopf-
tuch und religiöse Normen gibt, wird alles über Frauen geregelt. Das ist früher
bei uns auch so gewesen und das versucht der derzeitige Papst Benedikt ja
wieder mit seiner Gender Enzyklika9 als ›göttliche Ordnung‹ in die Welt hin-
ein zu verfügen. Nicht, dass ich mir da irgendwelche Illusionen mache. Nur
der Papst gefährdet gar seinen Einfluss, den er sich durch eine ausgerufene
Repaulinisierung der katholischen Welt so fromm wünscht. Übrigens war
auch der Apostel Paulus – dessen 2000. Geburtstag im Jahr 2009 vatikanisch
gefeiert wird – für das Kopftuchtragen der Frauen beim Beten. Und diese
Kleidervorschrift war kein Modetipp, sondern eine Zurückweisung der Frauen
aus der anfänglich begeisterten Gleichheit der Katholiken. Dass Paulus so
9 Siehe die Enzyklika »Deus Caritas Est« von Papst Benedikt XVI, »an die Bi-
schöfe, and die Priester und Diakone, an die gottgeweihten Personen und an alle
Christgläubigen über die christliche Liebe«, abrufbar: http://www.vatican.va/holy
_father/benedict_xvi/encyclicals/documents/hf_ben-xvi_enc_20051225_deus-cari
tas-est_ge.html, 04.02.2009.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Titel
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Untertitel
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Autoren
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Verlag
- transcript Verlag
- Datum
- 2009
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Abmessungen
- 14.7 x 22.4 cm
- Seiten
- 526
- Schlagwörter
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Kategorie
- Recht und Politik